Entwicklung der Geschmacksvorlieben des Babys im Mutterleib

Wie Vorlieben entstehen, wie wir sie bereits im Mutterleib beeinflussen können und welche Ernährung für Babys die Richtige ist
Text: Merle Schonvogel | Fotos: Fallon Michael / unsplash

Brokkoli? Eklig. Zucchini? Lieber nicht. Spinat? Um Himmels Willen. Kinder mögen kein Gemüse – das werden Sie auch schon häufig gehört oder vielleicht sogar gemerkt haben. Aber ist das tatsächlich so? „Nicht unbedingt“, sagt Dr. Matthias Riedl, Internist und Ernährungsmediziner aus Hamburg. „Kinder mögen das, was Eltern ihnen geben und was die Eltern selbst essen. Wer seine Kinder die ersten drei Jahre mit Süßigkeiten, Wurst und Backwaren prägt, muss sich nicht wundern, wenn sie kein Gemüse mögen.“ Er erklärt: „Die Prägung läuft in den ersten drei Lebensjahren und wird von vielen Eltern vergeigt.“

Die Prägung beginnt im Mutterleib

Eigentlich beginnt die Prägung sogar noch früher, und zwar im Mutterleib. Bereits das Fruchtwasser sorgt für die Entwicklung der Geschmacksvorlieben – es ist das erste, was der Fötus wahrnimmt, noch bevor er sieht und hört. Bis zur 10. Schwangerschaftswoche bilden sich auf der Zunge die ersten Geschmacksknospen. Wenige Wochen später beginnen die Geschmacksknospen mit den Nerven des Embryos zu kommunizieren und der hat dann erste geschmackliche Eindrücke. Der Grundgeschmack des Fruchtwassers ist süß. Untersuchungen der US-amerikanischen Biopsychologin Julie Mennella vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia zeigten, dass Embryos umso mehr Fruchtwasser schluckten, je süßer es schmeckte – sobald es bitterer war, sank die Schluckrate. Das liegt daran, dass süßer Geschmack nicht nur als angenehm, sondern auch als ungefährlich empfunden wird. Das ist ein schlauer Mechanismus, sind die meisten natürlichen Giftstoffe doch selten süß und häufig bitter. Die weiteren geschmacklichen Nuancen des Fruchtwassers hängen unter anderem davon ab, was die werdende Mutter isst und trinkt. „Auch das hat einen Einfluss darauf, welche Geschmackspräferenzen das Kind später mal hat“, so Simon Reitmeier, Soziologe und Bereichsleiter am bayerischen Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn). Ein Beispiel: „In Experimenten konnten Hinweise gefunden werden, dass Neugeborene Präferenzen für bestimmte Aromen wie etwa Anis entwickeln, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Anisaromen zu sich nahm.“

Aromen in Muttermilch prägen Vorlieben

Und beim Fruchtwasser hört es natürlich nicht auf – wird das Kind gestillt, werden durch die Muttermilch weiterhin Aromen weitergegeben. Untersucht wurde dies unter anderem bei Möhren. Mennella konnte in einem bekannten und vieldiskutierten Versuch zeigen, dass Babys eine Vorliebe für Getreidebreie mit Karottenaroma entwickelten, wenn die Mutter während Schwangerschaft oder Stillzeit Möhrensaft zu sich nahm. Diese Ergebnisse zeigten sich aber nicht nur bei Muttermilch, sondern auch bei Tests mit aromatisierter Muttermilchersatznahrung. Allerdings gehen nur bestimmte und keinesfalls alle Aromen in die Muttermilch über, wie ein Versuch mit Fischölkapseln zeigte. Hier waren später keine Geschmacks- oder Geruchsstoffe in der Milch nachweisbar.

Knoblauchgeruch in Muttermilch

Bei Knoblauch beispielsweise ist die Sache etwas komplizierter. Lebensmittelchemiker der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben vor wenigen Jahren erstmals nachgewiesen, dass sich der Geruch in der Muttermilch niederschlägt. Untersucht wurde die Milch von stillenden Müttern, die rund zwei Stunden vorher rohen Knoblauch zu sich genommen hatten. Die geschulten Personen konnten einen charakteristischen Knoblauchgeruch wahrnehmen und auch das Labor bestätigte Metaboliten, die auf Knoblauch zurückzuführen sind. Allerdings handelte es sich dabei u. a. um ein Stoffwechselprodukt, das erst im mütterlichen Organismus verstärkt gebildet wird. „Es ist ein spannender Befund, dass in Muttermilch auch Derivate von Lebensmittelinhaltsstoffen und Aromen gefunden werden, die ursprünglich nicht in derselben Form im verzehrten Lebensmittel vorhanden waren“, so Prof. Andrea Büttner vom Lehrstuhl für Lebensmittelchemie. Ob das Aroma allerdings einen Einfluss darauf hat, welche Lebensmittelpräferenzen die Kinder später haben, also ob sie etwa Knoblauch mögen, muss laut Büttner weitere Forschung klären. Wobei Büttner die soziale Komponente als mindestens ebenso wichtig erachtet: „Wir müssen berücksichtigen, dass Aromen offenbar nur eingeschränkt mit der Muttermilch transportiert werden, aber in sonstigen sozialen Kontexten, etwa über den Körpergeruch der Mutter oder über Gerüche, die bei der Nahrungszubereitung entstehen, eine viel stärkere Wirkung entfalten können. Über Geruch können sich Menschen leicht an Kindheitserlebnisse erinnern, und Mamas Kuchen-Backen oder Lieblingsspeise-Kochen ist dabei eine der prägendsten Erfahrungen.“ Hier bestehe ebenfalls noch ein großer Forschungsbedarf.

Wir mögen, was wir häufig essen

Klar ist nur: Wenn Kinder etwas häufiger zu essen bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie es irgendwann mögen, deutlich höher. Der Fachbegriff dafür lautet „Mere-Exposure-Effect“. Die Voraussetzung für das spätere Mögen ist allerdings, dass das Kind dem Gericht bzw. dem Lebensmittel nicht von vornherein sehr ablehnend, sondern eher neutral gegenüberstand. „So passiert es, dass Menschen in Hongkong scharfe Currygerichte mögen, das Münchner Kind aber keinen Fischsalat zum Frühstück mag wie etwa das aus Kopenhagen“, erklärt Matthias Riedl. Die Gewohnheit isst eben mit. Später ahmen die Kinder dann nach, was die Eltern machen. Essen sie viel Gemüse, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder es auch tun.

Gemüse ist ganz am Anfang natürlich noch keine Option – im ersten Jahr steht die Muttermilch im Vordergrund. Laut den aktualisierten Handlungsempfehlungen „Gesund ins Leben“ der Initiative „IN FORM“ sollten Babys in den ersten vier bis sechs Monaten ausschließlich gestillt werden. Muttermilch ist hygienisch einwandfrei und hat die richtige Temperatur. Sie ist praktisch, weil immer verfügbar, und die Zusammensetzung ist an die kindlichen Bedürfnisse angepasst. Außerdem haben gestillte Kinder im Vergleich zu nichtgestillten Kindern ein verringertes Risiko für Durchfall, Mittelohrentzündung und späteres Übergewicht. Ob das Stillen auch vor Allergien schützt, da ist sich die Wissenschaft nicht einig. Es gibt sowohl Studien, die dafür sprechen, als auch welche, die keinen Zusammenhang sehen. Ein Problem bei diesen Studien ist häufig die Methodik, so Prof. Thomas Eiwegger von der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Uniklinik Wien: „In den meisten Studien wurden die Eltern erst im Nachhinein befragt, und dies ist in Bezug auf die Qualität der Studienergebnisse ein maßgeblicher Unterschied. Außerdem gibt es auch nur sehr wenige Studien, in denen die Kinder wirklich exklusiv mit Muttermilch ernährt wurden oder exklusiv nur Fertig-Nahrung erhielten.“

 

 

„Mere-Exposure-Effect“: Die Gewohnheit, ein bestimmtes Lebensmittel häufig zu essen bringt Babys dazu, es dann auch zu mögen

Foto: Providence Doucet / unsplash

Fischverzehr schützt vor Allergien

Spätestens mit Beginn des siebten Monats ist die Empfehlung, Beikost einzuführen. Zeit für die erste Portion Gemüsebrei.
Als Erstes sollte ein Brei mit Gemüse und Fleisch oder Fisch gegeben werden, etwa einen Monat später werden zusätzlich ein Milch-Getreide-Brei und ein Getreide-Obst-Brei empfohlen. Diese Empfehlungen gelten übrigens auch oder gerade für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko, sagt Prof. Eckard Hamelmann, Chefarzt im Kinderzentrum des Evangelischen Klinikums Bethel und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie: „Das Vermeiden oder eine spätere Einführung von Lebensmitteln, die häufig allergieauslösend sind, bieten keinen Schutz vor Allergien – eher im Gegenteil.“ Das scheint besonders für Fisch zu gelten. Eine aktuelle Studie aus Singapur mit mehr als 1.200 Schwangeren zeigte beispielsweise: Die Frauen, die häufig Fisch gegessen hatten, hatten später deutlich seltener allergiekranke Kinder.

Die entscheidenden Inhaltsstoffe des Fisches, so Allergologe Hamelmann, sind wahrscheinlich die Eikosanoide. Das sind Botenstoffe mit antientzündlicher Wirkung, die im Körper aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren gebildet werden. „Eikosanoide verhindern eine allergische Überreaktion auf an sich harmlose Nahrungsmittel“, erklärt Hamelmann. „Das funktioniert unter Säuglingen und Kleinkindern, aber auch schon in der Schwangerschaft: Isst die Schwangere regelmäßig Fisch, lassen sich die Eikosanoide auch im Blut der Neugeborenen nachweisen.“ Und Fisch hat noch weitere Vorteile. So legen mehrere Studien den Schluss nahe, dass Omega-3-Fettsäuren aus fettem Fisch die kognitiven und motorischen Fähigkeiten von Babys und Kindern fördern. „Die Omega-3-Fettsäure DHA und die Omega-6-Fettsäure AA werden während des letzten Schwangerschaftsdrittels und in den ersten Lebensmonaten im Gehirn des Kindes eingelagert, wenn sich dort die Neuronen und Gliazellen zu vermehren beginnen“, erklärt Riedl. Also, liebe werdende und frischgebackene Mütter: Esst mehr Fisch!

Fazit: Die Prägung der Geschmacksvorlieben beginnnt bereits vor der Geburt, im Mutterleib. Wenn die Schwangere viel Gemüse isst, wirkt sich das auch positiv auf das Kind aus. Später mögen Kinder das, was Eltern ihnen geben und was die Eltern selbst essen. Allerdings auch das, was häufig angeboten wird (Mere-Exposure-Effect). Einfach häufig Neues probieren, möglichst jede Woche, nicht in Monatsabständen. Dann entstehen neue Lieblingsessen. Oder neue Gewürze in kleiner Menge in bekannte Speisen mischen, damit das Kind sich an sie gewöhnt.

BoB family

Kennst du schon BoB.family? Das Portal listet nicht nur sämtliche Kurse, Workshops, lockere Treffs, Vorträge und Aktivitäten in deiner Nähe, in der Schwangerschaft oder mit Baby, sondern auch viele spannende Wissensbeiträge für Schwangere und junge Mütter. Wir helfen dir bei der Suche nach Abwechslung und Austausch unter Gleichgesinnten und bieten Expertenrat zu allen wichtigen Fragen in den ersten Jahren mit Baby!

Foto: BoB family
Redaktion
Merle Schonvogel
Ökotrophologin (B.Sc.), Expertin für Food-Wissen
Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.

FOODFORUM kennenlernen?

>> Eine Ausgabe kostenlos.