Ketogene Diät: Pro und Contra

Ketogene Ernährung ist im Trend - aber ist sie auch gesund?
Fotos: V. Kurscheid / Privatfoto

Ob es uns guttut, Kohlenhydrate weitgehend vom Speisezettel zu streichen und stattdessen viel Fett und Eiweiß zu essen, ist heiß umstritten. Wir haben zwei Experten zum Thema Ketogene Ernährung befragt

Pro: Prof. Dr. med. Thomas Kurscheid

Prof. Dr. med. Thomas Kurscheid ist Facharzt f√ľr Allgemeinmedizin, Sport- und Ern√§hrungsmediziner, Arzt f√ľr Naturheilverfahren n.e.A und Pr√§ventivmediziner DAPM. Er leitet das Adipositaszentrum K√∂ln und ist Autor zahlreicher B√ľcher.

Die ketogene Ern√§hrung ist eine artgerechte menschliche Ern√§hrung, denn sie besteht aus n√§hrstoffreichen, naturbelassenen sowie antientz√ľndlichen Lebensmitteln, hat viele gesundheitliche Vorteile und hilft beim Abnehmen. Wichtig ist, dass gleichzeitig auf einen hohen Ballaststoffanteil von mindestens 30 g pro Tag geachtet wird (Low-Carb-High-Fibre-Di√§t). So erh√∂ht sich bei der Umstellung auf eine kohlenhydratarme Ern√§hrung bei gleicher Gesamtkalorienzufuhr der Energieverbrauch um rund 250 kcal pro Tag, weil f√ľr die Fettverbrennung mehr Energie ben√∂tigt wird als f√ľr die Verbrennung von Kohlenhydraten. Allerdings braucht der K√∂rper mindestens zwei Wochen, bis er den Stoffwechsel umgestellt hat. Au√üerdem wird der Hunger ausgebremst. Denn weil Kohlenhydrate durch Proteine und Fette ersetzt werden, f√ľr deren Verdauung der K√∂rper l√§nger braucht, h√§lt das auch l√§nger satt. Durch die geringere Aufnahme kurzkettiger Kohlenhydrate (Wei√ümehl, Zucker) wird zudem der Blutzuckerspiegel stabilisiert, so dass Hei√ühungerattacken ausbleiben. Langfristig nimmt auch die Zahl der Schlankbakterien im Mikrobiom des Darms zu, so dass aus den Mahlzeiten weniger Kalorien aufgenommen werden.

Verbesserte Cholesterinwerte

Erwiesenerma√üen unterst√ľtzt die ketogene Ern√§hrung die Fettschmelze deutlich besser als andere Di√§ten, vor allem in der Leber. Aber auch das gef√§hrliche tiefe Bauchfett schmilzt, das um die inneren Organe herum abgelagert ist. Das ist wichtig, denn dies produziert Hormone, die langfristig krank machen und Bluthochdruck, erh√∂hte Blutfettwerte und Diabetes verursachen. ¬†Au√üerdem verbessern sich unter einer ketogenen Ern√§hrung mit vielen guten Fetten die Cholesterinwerte. Das gute Lipoprotein HDL steigt, das schlechte LDL sinkt. Auch die gef√§hrlichen Triglyceride im Blut nehmen ab, jene Fettmolek√ľle, die das Herzinfarktrisiko signifikant erh√∂hen. Denn es sind die Kohlenhydrate, die vom K√∂rper in Triglyceride umgewandelt werden und √ľbers Blut in die Organe gelangen.

Die ketogene Ern√§hrung senkt au√üerdem den Blutzuckerspiegel ‚Äď und damit auch das Insulin. Das wirkt der Verstopfung der Blutgef√§√üe entgegen, denn Insulin bringt Zellen zum Wachsen, die Atherosklerose (‚ÄěVerkalkung‚Äú) befeuern. Es gibt zudem starke Hinweise, dass diese Ern√§hrung das Krebsrisiko senkt und auch als begleitende Krebsbehandlung erfolgreich eingesetzt werden kann. Au√üerdem kann sie bei Diabetikern dazu f√ľhren, dass sie weniger oder gar kein Insulin mehr ben√∂tigen.

Gesundes Gehirn

Die ketogene Di√§t zeigt auch positive Effekte auf das erkrankte Gehirn. Zwar ben√∂tigt ein kleiner Teil des menschlichen Gehirns offenbar unbedingt Glukose zur Aufrechterhaltung seiner Funktion. Doch die Glukose muss keinesfalls in Form von Kohlenhydraten zugef√ľhrt werden. Die Leber kann Glukose auch aus Proteinen gewinnen, so dass diese Gehirnteile in jedem Fall versorgt sind. Derzeit wird erforscht, inwieweit die ketogene Ern√§hrung bislang unheilbare Krankheiten beeinflussen kann, die eng mit dem Kohlenhydratkonsum in Verbindung stehen. So hat sich diese Ern√§hrungsweise bereits bei Kindern mit Epilepsie sowie bei der Behandlung von Alzheimer, multipler Sklerose und Parkinson ins Gespr√§ch gebracht.

Wer ketogen isst, kann offenbar auch sein Leben verlängern. Die PURE-Studie mit 135.335 Teilnehmern zeigte 2017, dass die Lebenserwartung mit zunehmendem Kohlenhydratkonsum sinkt. Eine weitere Studie (Seidelmann et al., Lancet Public Health 2018) untersuchte 15.428 Personen und in einer Metaanalyse insgesamt 400.000. Ergebnis: Eine Reduktion der Kohlenhydrate auf 50 Prozent der Energiezufuhr reduzierte die Sterblichkeit (sofern die Kohlenhydrate durch Eiweiße und Kohlenhydrate aus pflanzlichen Quellen ersetzt wurden und nicht durch tierische Fette).

Contra: Prof. Dr. med. Johannes Wechsler

Prof. Dr. med. Johannes Wechsler ist niedergelassener Facharzt f√ľr Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hepatologie, Ultraschalldiagnostik und Ern√§hrungsmedizin und Pr√§sident des Bundesverbandes Deutscher Ern√§hrungsmediziner (BDEM). Er ist Hochschullehrer an der Technischen Universit√§t M√ľnchen und Autor zahlreicher B√ľcher.

Die ketogene Di√§t ist eine einseitige Ern√§hrungsform. Es entspricht nicht unserer Natur, ganz oder weitestgehend auf Kohlenhydrate zu verzichtet. Der Stoffwechsel des Menschen ist f√ľr eine gemischte Ern√§hrung optimal ausgestattet, weil er alle N√§hrstoffe der zugef√ľhrten Nahrung zu 100 Prozent verwerten und f√ľr sich in Energie umwandeln kann. Betrachten wir die menschliche Entwicklungsgeschichte, so sehen wir, dass die gemischte Ern√§hrungsform, die sowohl Fett und Eiwei√ü als auch Kohlenhydrate enthielt, stets dominiert hat.

Allerdings ist und war der menschliche Organismus durchaus in der Lage, √ľber eine gewissen Zeit eine einseitige Ern√§hrung zu tolerieren und trotzdem sein √úberleben zu sichern. Man denke an Kriegs- und Krisenzeiten, in denen wir Menschen auch Hungerphasen ohne gr√∂√üere Nachteile √ľberstehen. Auch gab es Phasen wie die Steinzeit, in denen sich die Menschen nat√ľrlicherweise fett- und eiwei√üreich ern√§hrten, w√§hrend mit Aufkommen des Ackerbaus der Kohlenhydratanteil an der Nahrung stieg, in einigen Regionen sogar erheblich.

Ketogene Diät: Gefahr einer Ketoazidose

Zahlreiche Studien der Ern√§hrungswissenschaft und -medizin belegen heute, dass die einseitige ketogene Ern√§hrung f√ľr die Gesundheit des Menschen nicht von Vorteil ist. Im Gegenteil. So besteht beispielweise die Gefahr einer √úbers√§uerung des Organismus (Ketoazidose). Denn weil Fette statt Kohlenhydrate verbrannt werden, entstehen Ketone, die den K√∂rper mit Energie versorgen. Werden es bei einer strengen Di√§t zu viele ‚Äď und der Schwellenwert ist hier individuell sehr verschieden ‚Äď kommt es zur lebensbedrohlichen Ketoazidose, die intensivmedizinisch behandelt werden muss.

Des Weiteren besteht die Gefahr von Nierensteinen, weil sich die Menge an Harns√§ure im Blut gef√§hrlich erh√∂hen kann. Auch besteht das Risiko durch die relativ hohe Fett- und Cholesterinzufuhr die Entwicklung einer Arteriosklerose mit Herzinfarkt und Schlaganfall zu beschleunigen. Diese Erkenntnisse sind aus dem Studium der Fastentherapie und durch zahlreiche publizierte Studien wissenschaftlich gesichert. Einseitige Ern√§hrungsformen wie die der ketogenen Ern√§hrung sollten nur unter √§rztlicher Kontrolle und zeitlich begrenzt durchgef√ľhrt werden. F√ľr eine nachhaltige Gewichtsreduktion sind ketogene Di√§ten nicht geeignet. Auch ihre Anwendung bei Krebserkrankungen ist wissenschaftlich nicht gesichert. Bei Epilepsie ist diese Ern√§hrungsweise dagegen zu bef√ľrworten und ihr Nutzen hier wissenschaftlich hinreichend belegt.

Energiezufuhr relevanter als Zusammensetzung

Man sollte den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung (DGE) und anderer Fachgesellschaften folgen. Demnach sollen 20 Prozent der Energiezufuhr aus Eiwei√ü, 50 Prozent aus Kohlenhydraten und 30 Prozent aus Fett gedeckt werden. Der pflanzliche Anteil sollte bei der Eiwei√üzufuhr √ľber 50 Prozent liegen, und die Kohlenhydrate sollten √ľberwiegend komplexer Natur sein, also langsam ins Blut gehen, um gro√üe Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. Das Fett sollte jeweils zu einem Drittel aus ges√§ttigten, einfach unges√§ttigten und mehrfach unges√§ttigten Fetts√§uren bestehen. Insgesamt sollte die Ern√§hrung cholesterinarm und ballaststoffreich sein.

Der entscheidende Fehler unserer Zeit ist, nicht die N√§hrstoffrelation im Prozentbereich zu diskutieren, sondern die Energiezufuhr der Ern√§hrung. Diese Kalorienzufuhr ist bei verminderter k√∂rperlicher Aktivit√§t des Menschen in der heutigen Zeit einfach zu hoch und f√ľhrt deshalb zwangsl√§ufig zu Adipositas und Folgekrankheiten.

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.

FOODFORUM kennenlernen?

>> Eine Ausgabe kostenlos.