Nutriscore: sinnvoll oder nicht?

Lange ersehnt, mittlerweile umstritten: Der Nutri-Score. Professor Nicolai Worm hat starke Argumente, warum diese Kennzeichnung mehr schadet als n├╝tzt
Text: Prof. Nicolai Worm | Fotos: Karolina Grabowksa / Pexels

Lust etwas zu naschen? Natu╠łrlich muss es gesund sein. Mit dem Nutri-Score sollen wir schnell zwischen gesund und ungesund unterscheiden ko╠łnnen. Im Internet gibt es eine Datenbank, die Lebensmittel entsprechend ausweist (https://de.openfoodfacts.org). Naschereien und Snacks sind in der Kategorie Imbiss gelistet. Sie lieben dunkle Schokolade? Pech gehabt: Die 85-prozentige ÔÇ×Edelbitter mildÔÇť eines Marktfu╠łhrers wird mit dem tiefroten E fu╠łr ÔÇ×schlechte Lebensmittelqualita╠łtÔÇť abgestraft. Zuckerfreie Gummiba╠łrchen bekommen dagegen ein gru╠łnes A ÔÇô die Bestnote mit dem Pra╠łdikat ÔÇ×sehr gute Na╠łhrwertqualita╠łtÔÇť. Als Inhaltstoffe sind schlie├člich ausgewiesen: Su╠ł├čungsmittel Maltit (E965), Gelatine, Wasser, Sa╠łuerungsmittel: E330, natu╠łrliche Aromen, Pflanzeno╠łl (Raps/Kokos in vera╠łnderlichen Gewichtsanteilen), Farbstoff: E161b, Fa╠łrbendes Lebensmittel (Spirulina Konzentrat, Saflor Extrakt), U╠łberzugmittel: E903. Da kann die Schoki nicht mithalten, entha╠łlt sie doch nur Kakaomasse, Zucker, Kakaobutter, Sojalecithin und Vanille. Die rote Karte bekommt sie, weil sie pro 100 Gramm 48 Gramm Fett, 29 Gramm gesa╠łttigte Fettsa╠łuren und 29 Gramm Zucker entha╠łlt. Nur ihr geringer Salzgehalt von 0,05 Gramm wird positiv bewertet. Wissenschaftliche Untersuchungen aber sagen, dass ein regelma╠ł├čiger Konsum von dunkler Schokolade vor Herz-Kreislauferkrankungen schu╠łtzt. Wie kann das sein?

Kriterien sind nicht aussagekr├Ąftig

Franzo╠łsische und britische Wissenschaftler haben die fu╠łnfstufige Farbskala von A (gru╠łn) bis E (rot) des Nutri Score entwickelt. 2017 wurde er in Frankreich eingefu╠łhrt, es folgten Belgien, Luxemburg, Schweiz, Spanien, Portugal und schlie├člich Deutschland. 141 deutsche Unternehmen kennzeichnen ihre Produkte mittlerweile mit dem Nutri-Score. Daran sollen wir erkennen, ob die Kombination von Na╠łhrwerten eines Produkts eher gu╠łnstig oder ungu╠łnstig fu╠łr eine gesunde ausgewogene Erna╠łhrung ist.

Aber: Die Kennzeichnung vergleicht jeweils nur die Na╠łhrwerte innerhalb einer Produktgruppe, also beispielsweise Su╠ł├čigkeiten, Mu╠łslis oder Joghurts untereinander. Fu╠łr die unterschiedlichen Inhaltsstoffe werden gewichtete Plus- und Minus-Punkte vergeben, die abschlie├čend in die farblich unterlegten Buchstaben u╠łbersetzt werden. Als gu╠łnstig gelten Ballaststoffe, Proteine, Obst, Gemu╠łse, Nu╠łsse. Dagegen ist nichts einzuwenden. Als problematisch aber werden gesa╠łttigte Fettsa╠łuren, Salz, Zucker und der Kaloriengehalt gewertet. Wie sinnvoll ist das? Das sagt die Studienlage dazu:

Gesa╠łttigtes Fett ist besser als sein Ruf

ÔÇ║ÔÇ║ Gesa╠łttigte Fettsa╠łuren haben ein schlechtes Image, weil drei von ihnen (Laurin-, Myristin- und Palmitinsa╠łure) unter Laborbedingungen den Spiegel des LDL-Cholesterins im Blut anheben und erho╠łhtes LDL-Cholesterin als Risikofaktor fu╠łr Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt. Zahlreiche Studien aber zeigen, dass der vermehrte Konsum gesa╠łttigter Fettsa╠łuren keineswegs das Risiko fu╠łr Herz-Kreislauf-Erkrankungen erho╠łht. Auch ist die Wirkung stark davon abha╠łngig, was gleichzeitig konsumiert wird. Eine hohe Zufuhr von gesa╠łttigten Fettsa╠łuren innerhalb einer sta╠łrke- und zuckerarmen Kost hat sogar besonders niedrige Spiegel im Ko╠łrpergewebe zur Folge.

Die vielen unterschiedlichen gesa╠łttigten Fettsa╠łuren lo╠łsen im Ko╠łrper zudem vo╠łllig unterschiedliche Effekte aus, von denen etliche gesundheitsfo╠łrderlich sind. Auch wirken gesa╠łttigte Fettsa╠łuren, eingebunden in ein Nahrungsmittel, anders als bei isolierter Zufuhr im Stoffwechsellabor. Milch und Milchprodukte etwa, die den ho╠łchsten Anteil an gesa╠łttigten Fettsa╠łuren aller tierischen Nahrungsmittel aufweisen, haben viele gu╠łnstige Stoffwechseleffekte, die eher mit einer Schutzwirkung hinsichtlich Adipositas, Fettleber, metabolischem Syndrom, Diabetes und kardiovaskula╠łren Erkrankungen einhergehen.

Salz: Vor allem zu wenig ist scha╠łdlich

ÔÇ║ÔÇ║ Die Salzzufuhr in Deutschland sei viel zu hoch, sagen verschiedene Institutionen. Frauen nehmen ca. 8 Gramm, Ma╠łnner ca. 10 Gramm pro Tag zu sich. Mehr als 6 Gramm sollten es nicht sein, ansonsten erho╠łhe sich das Risiko fu╠łr Bluthochdruck, Hirn- und Herzinfarkt, hei├čt es. Gro├če internationale Studien haben ju╠łngst allerdings wieder belegt, dass vermehrter Salzkonsum nicht mit geminderter, sondern mit erho╠łhter Lebenserwartung einhergeht. Das niedrigste Risiko fu╠łr Herz-Kreislauf- Erkrankungen und Gesamtsterblichkeit liegt demnach bei einem Salzkonsum von 8ÔÇô13 Gramm pro Tag. Unterhalb von 6ÔÇô7 Gramm steigt das Risiko statistisch signifikant und steil an, oberhalb von 13 Gramm dagegen schwa╠łcher. Meta-Analysen der Langzeitstudien weisen aus: Zu viel ist schlecht, zu wenig aber auch.

Von einer Salzreduktion pro tieren ho╠łchstens Patienten mit Bluthochdruck und sehr hoher Salzzufuhr. Fu╠łr einen niedrigen Salzkonsum dagegen sind unerwu╠łnschte Folgen nachgewiesen: Fo╠łrderung von Insulinresistenz, erho╠łhte Ausschu╠łttung von Stresshormonen, gesteigerter Blutfettspiegel. De facto kann bis heute niemand genau sagen, welchen Einfluss eine Salzreduktion auf die Gesundheit hat. Denn es fehlt eine randomisiert-kontrollierte Dia╠łt-Interventionsstudie, die den Einfluss einer Salzreduktion auf weniger als 6 Gramm pro Tag auf die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Leiden und die Gesamtsterblichkeit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe u╠łberpru╠łft hat.

Kaloriengehalt sagt nichts u╠łber die Energiebilanz

ÔÇ║ÔÇ║ Es ist physiologisch unsinnig, den Kaloriengehalt von Nahrungsmitteln pauschal zu bewerten. Denn der Einfluss eines Lebensmittels auf die Energiebilanz am Ende des Tages la╠łsst sich nicht an seiner Kalorienzahl festmachen. Es gibt Kalorien, die eher sa╠łttigen und die Gewichtskontrolle erleichtern, und Kalorien, die eher Hunger auslo╠łsen und eine u╠łberkalorische Erna╠łhrung fo╠łrdern. Die gleiche Menge Kalorien aus Fett wird hormonell vo╠łllig anders gesteuert als die aus Proteinen und wieder anders als die aus Kohlenhydraten. Zudem ist ihre Verwertung auch vom Gesundheitszustand des Menschen abha╠łngig.

Fruchtzucker bleibt unberu╠łcksichtigt

ÔÇ║ÔÇ║ Zucker zu reduzieren, ergibt Sinn, vor allem fu╠łr Menschen mit geringer ko╠łrperlicher Aktivita╠łt und fu╠łr U╠łbergewichtige. Problematisch sind die zuckergesu╠ł├čten Getra╠łnke, denn im Gegensatz zu gesu╠ł├čten festen Nahrungsmitteln hinterlassen sie keinerlei Sa╠łttigungseffekt. Der erho╠łhte Konsum zuckerhaltiger Getra╠łnke gilt u. a. als eine wichtige Ursache fu╠łr U╠łbergewicht, nicht-alkoholische Fettleber und Diabetes. Allerdings darf die Bewertung nicht auf Haushaltszucker begrenzt sein. Gerade der oft als Ersatz angepriesene Fruchtzucker, u╠łberproportional in Obstsu╠ł├če wie z. B. Agavendicksaft enthalten, fo╠łrdert die Verfettung des Ko╠łrpers und ist ein Risikofaktor fu╠łr nicht-alkoholische Fettleber und Gicht.

Hochverarbeitetes wird gepusht

Warum haben es die zuckerfreien Gummiba╠łrchen auf den Spitzenplatz A geschafft? Die enthaltende Gelatine ist ein aus Rinderschlachtabfall gewonnenes Protein niedrigster biologischer Wertigkeit, kann also vom Ko╠łrper kaum verwertet werden. ÔÇ×Gru╠łnÔÇť sind die Ba╠łrchen allein deshalb, weil sie von den angeblich schlechten Inhaltstoffen so gut wie nichts enthalten: 0,2 Gramm gesa╠łttigte Fettsa╠łuren, 0 Gramm Zucker und 0 Gramm Salz. Somit wird ein Kennzeichnungssystem von der Regierung gepuscht, das hochgradig industriell bearbeiteten Lebensmitteln zur Blu╠łte verhilft. Dabei ist la╠łngst bekannt, dass wenig bearbeitete bzw. naturbelassene Nahrungsmittel zur Gesundheit beitragen.

FAZIT: Fu╠łr den Nutri-Score wurden Steuergelder eingesetzt, um Lebensmittelkriterien auszuloben, die nach gegenwa╠łrtig bester wissenschaftlicher Evidenz ungeeignet sind, die Gesundheit der Bevo╠łlkerung zu verbessern. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass es jemals ein sinnvolles, einfaches Kennzeichnungssystem fu╠łr Lebensmittel geben wird, das einer kritischen Pru╠łfung standha╠łlt.
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