Durchblick bei Ernährungstipps

Ern√§hrungstipps und Ratschl√§ge zu gesunder Ern√§hrung gibt es viele. In dieser Informationsflut die ideale Ern√§hrungsweise zu finden, ist deshalb schwierig. Warum es normal ist, sich beim Thema gesunde Ern√§hrung √ľberfordert zu f√ľhlen.
Text: Nina Susann Schmidt | Fotos: comfreak / pixabay

Die Suchanfrage ‚Äěgesund essen‚ÄĚ liefert bei Google 189.000.000 Ergebnisse. Eigentlich klingt das nach genug Informationsquellen, mit Hilfe derer es doch relativ leichtfallen sollte, sich √ľber gesunde Ern√§hrung zu informieren. Das Problem: Einen Konsens sucht man vergebens. Da st√∂√üt man auf Anleitungen zum intermittierenden Fasten, Lebensmittelpyramiden zur mediterranen Di√§t, Ern√§hrungstipps zum intuitiven Essen und Listen mit erlaubten und verbotenen Lebensmitteln bei der Paleo-Ern√§hrung. Oder ist doch den Seiten, die eine glutenfreie, vegane, ketogene oder basische Ern√§hrung proklamieren, eher zu vertrauen? Aber dann gibt es da ja auch noch Low-Carb, Rohkost und Detox-Kuren. Und braucht man eigentlich Superfoods? Da vieles gut und wichtig f√ľr die Gesundheit klingt, liegt der Gedanke nahe, f√ľr die optimale Ern√§hrung alle Ratschl√§ge so gut es geht miteinander zu verbinden und unter einen Hut zu bringen. Aber geht das √ľberhaupt? Dr. Christina Steinbach, Ern√§hrungsberaterin und Vertriebsleiterin beim Ern√§hrungsberater-Netzwerk DR. AMBROSIUS, r√§t von solchen Versuchen ab: ‚ÄěEs gab einige Kunden, die zum Beispiel Low-Carb machen wollten und sich nach dem PaleoPrinzip ern√§hrten, aber gleichzeitig auch vegan essen wollten. Da ist es manchmal n√∂tig, einfach ganz klar zu kommunizieren, dass es nicht m√∂glich ist, alle Empfehlungen gleichzeitig umzusetzen.‚Äú

Soziale Medien sind voll von Fake News

Als w√§re es nicht schon Herausforderung genug, sich die richtigen Informationen im Dschungel der Ern√§hrungsratschl√§ge herauszupicken, wird es Tag f√ľr Tag sogar noch schwieriger, denn es kommen immer mehr dazu. √Ėkotrophologin Eva-Maria Endres, die ihre Masterarbeit zum Thema Ern√§hrungskommunikation in Sozialen Medien geschrieben hat, spricht von einer ‚ÄěDemokratisierung des Ern√§hrungswissens‚Äú. Im Internet, insbesondere in den Sozialen Medien, kann jeder Informationen √ľber Ern√§hrung schnell und einfach an eine breite Masse verteilen. Aber: Sch√§tzungen zufolge ist dabei jede dritte Aussage falsch. Und viele Aussagen widersprechen sich. Anstatt sich besser informiert zu f√ľhlen, steigt durch die Informationsflut so die Verunsicherung. Wie also vorgehen, wenn alle Quellen etwas anderes sagen? Artikel mit Titeln wie ‚ÄěGesunde Ern√§hrung: Was unser K√∂rper wirklich braucht‚Äú sind jedenfalls mit Vorsicht zu genie√üen. Denn ‚Äěunseren K√∂rper‚Äú gibt es nicht. Unterschiedliche Grundvoraussetzungen wie Alter, Geschlecht, Gewicht, Lebensphase oder eventuelle Vorerkrankungen machen jeden K√∂rper verschieden. Die Bed√ľrfnisse sind nicht immer gleich und deshalb auch die Anspr√ľche an eine ‚Äěgesunde‚Äú Ern√§hrung individuell. Erst recht kompliziert wird es aber vor allem dann, wenn noch pers√∂nliche Vorlieben oder Umst√§nde dazu kommen, die das Essverhalten betreffen. Mit zus√§tzlichen eigenen Allergien und Intoleranzen oder denen von Familienmitgliedern wird das gesunde Kochen noch herausfordernder. Gleichzeitig auch noch auf nachhaltige Produktion und das Budget f√ľr Lebensmittel achten? Fast schon unm√∂glich.

Gesunde Ernährung ist auch Lifestyle

Dabei wollen wir es unbedingt richtig machen. In den letzten Jahren hat sich ein deutlicher Trend zur gesunden Ern√§hrung abgezeichnet. Auch der aktuelle Ern√§hrungsreport 2020 des Bundesministeriums f√ľr Ern√§hrung und Landwirtschaft (BMEL) ergab, dass es 90 Prozent der Deutschen mittlerweile sehr wichtig ist, sich gesund zu ern√§hren. Mit mehr M√∂glichkeiten steigt allerdings immer auch die Erwartungshaltung. Privatdozent Dr. med. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts f√ľr Ern√§hrungspsychologie an der Georg-August-Universit√§t G√∂ttingen, sagt: ‚ÄěWir befinden uns im Zeitalter der Selbstoptimierung. Das schlie√üt auch die eigene Ern√§hrung ein. Menschen f√ľhlen sich vor allem durch die Sozialen Medien st√§rker denn je im Wettbewerb mit anderen.‚Äú Das Ergebnis: Gesund essen ist zum Lifestyle geworden. Online pr√§sentieren √ľberall junge, sch√∂ne Menschen perfekt angerichtete Bowls und gr√ľne Smoothies. Die Kochbuchregale sind voll mit Neuerscheinungen zum ‚ÄěClean Eating‚Äú und den besten ‚ÄěHealth Foods‚Äú. Und auch die Lebensmittelhersteller haben l√§ngst gemerkt, dass sich mit dem Wunsch nach immer ges√ľnderem Essen gutes Geld verdienen l√§sst. Neben ‚Äěfettarm‚Äú, ‚Äězuckerfrei‚Äú und ‚Äěbio‚Äú sind viele Produkte jetzt mit weiteren Gesundheitsversprechen wie ‚Äěmit Antioxidantien‚Äú, ‚Äěmit Vitaminen f√ľr den Zellschutz‚Äú oder ‚Äěf√ľr die Fitness‚Äú versehen. Umso besser, wenn sich vermeintlich weniger gesunde Lebensmittel dann ohne schlechtes Gewissen essen lassen. Und so landen Protein-Pudding und Gem√ľsechips in jedem Supermarktregal. Die Konsequenz: Schuldgef√ľhle beim Essen sind nicht mehr nur bei wenigen Menschen mit einer Essst√∂rung oder bei stark √úbergewichtigen pr√§sent ‚Äď auch dem durchschnittlichen Esser kann bei alledem schnell suggeriert werden, er sei ja auch selbst schuld, wenn er sich keine Gedanken mache √ľber die Auswirkungen, die die gew√§hlten Lebensmittel haben, und er sich so letztendlich selbst ‚Äěkrank isst‚Äú. Dieses Empfinden liegt laut Dr. Ellrott auch an unseren Lebensumst√§nden: ‚ÄěGro√üe Teile der Gesellschaft haben eine vergleichsweise sichere Lebenssituation. Das gestattet den Blick in die Zukunft und auf die langfristige Gesundheit √ľberhaupt erst, da es wenig akute andere Probleme gibt.‚Äú

Gesundes Essen ohne Druck: Ratschläge von Ernährungspsychologin Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop von der Universität Hohenheim

  1. An offizielle Quellen halten:

    F√ľr gesunde Menschen gelten die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung (DGE). F√ľr Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen gibt es Richtlinien von Fachgesellschaften, zum Beispiel der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) oder der Deutschen Hochdruckliga (DHL).

  2. Das Prinzip "Mittelmaß" befolgen:

    Ein bisschen von dem, was angeblich nicht erlaubt ist, das ist in Ordnung. Exzessiv nur bestimmte Lebensmittel zu essen und andere strikt zu vermeiden, ist meist keine gute Idee, weder f√ľr den K√∂rper noch f√ľr die Psyche. Also versuchen, eine Balance zu finden.

  3. Nicht beeinflussen lassen:

    Selbsternannte Ernährungsexperten oder Influencer nicht zu ernst nehmen. Selbst kochen und ausprobieren, was schmeckt und guttut. Den Fokus dabei auf frische Lebensmittel setzen.

  4. Hilfe holen:

    Bei Unsicherheiten hilft ein zertifizierter Ernährungsberater oder aber, wenn die Gedanken stetig zwanghaft ums Essen kreisen, auch ein Ernährungspsychologe.

Helfen kann eine Ernährungsberatung

Wie also damit umgehen, wenn man sich eigentlich gesund ern√§hren m√∂chte, aber nicht wei√ü, wie das am besten geht? Die Erkenntnis, dass es absolut normal ist, sich bei all den Ratschl√§gen, Regeln, Ern√§hrungstipps und Trends rund um gesunde Ern√§hrung √ľberfordert zu f√ľhlen, nimmt schon mal einiges an Druck raus. ‚ÄěBei besonders schwierigen F√§llen ist es wichtig, als Ern√§hrungsberater auch Aufkl√§rung zu betreiben‚Äú, sagt Dr. Steinbach und nennt ein Beispiel: ‚ÄěEine Kundin mit einem langen Leidensweg wegen Darmproblemen hatte so viel zum Thema gelesen und immer mehr potenziell sch√§dliche Lebensmittel weggelassen, dass sie gar nicht mehr wusste, was denn jetzt wirklich gut f√ľr sie ist.‚Äú In solchen F√§llen macht Dr. Steinbach gerne einen ‚ÄěReset‚Äú mit ihren Kunden. ‚ÄěWir versuchen, bisherige Ern√§hrungsweisen au√üen vor zu lassen, die eigenen Ziele klar zu definieren und nochmal ganz von vorne anzufangen.‚Äú, erkl√§rt sie. Genauso hilft es zu wissen, dass selbst ein Studium der Ern√§hrungswissenschaften nicht den absoluten Durchblick bringt. Ganz im Gegenteil: Gerade ausgebildete Ern√§hrungsexperten sind mit den Empfehlungen, die sie aussprechen, besonders vorsichtig, was in der Sache selbst begr√ľndet liegt. In der biomedizinischen Forschung ist n√§mlich selten etwas definitiv. Ern√§hrungswissenschaftliche Fragestellungen lassen sich nicht immer einfach im Menschen erforschen. Dass Studienteilnehmer langfristig, bestenfalls lebenslang in Interventionsstudien eine bestimmte Ern√§hrungsweise befolgen und sich die Ergebnisse daraus analysieren lassen, ist unrealistisch bis gef√§hrlich. Deshalb sind Studien, die die Auswirkungen von Ern√§hrung untersuchen, oft nur Beobachtungsstudien: Die Probanden geben an, wie und wovon sie sich ern√§hren und ern√§hrt haben und wie es ihnen jetzt geht. Oft kommt es so zu Fehlern in der Dokumentation. Das ist einer der Gr√ľnde, wieso daraus abgeleitete Ern√§hrungsratschl√§ge oft verwirrend sein k√∂nnen. Oftmals widersprechen sich Studien auch, was in der Wissenschaft aber ebenfalls normal und notwendig ist. Einen wissenschaftlichen Konsens in einer Fragestellung zu finden, kann sich √ľber Jahrzehnte hinziehen. Dazu kommt, dass die moderne Ern√§hrungswissenschaft noch eine sehr junge Wissenschaft ist: Die Struktur des ersten Vitamins B1 wurde erst 1926 isoliert. Darauf folgte erst einmal jahrzehntelange Forschung √ľber Krankheiten, denen einzelne Vitamindefizite zu Grunde liegen. Solche Forschung, die komplexe und sich langsam entwickelnde, chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und √úbergewicht im Kontext mit der Ern√§hrung untersucht, kam erst in den letzten Jahrzehnten, insbesondere ab der Jahrtausendwende so richtig in Fahrt. Nach so kurzer Zeit zu erwarten, die richtigen und eindeutigen Antworten auf alle Ern√§hrungsfragen bereits gefunden zu haben, ist utopisch.

Ernährungstipps: Meinung ist nicht gleich Expertise

Aber genau das w√ľnschen wir uns. Schlie√ülich betreffen die Themen Ern√§hrung und Gesundheit uns alle. Und deshalb hat auch (fast) jeder eine Meinung dazu. So kommt es auch ganz ohne b√∂se Absicht leicht dazu, dass durch Familienmitglieder und Freunde, aber auch durch Influencer und sogar Journalisten angelesene Halbwahrheiten oder falsche Informationen weit verbreitet werden. Denn die Interpretation ern√§hrungswissenschaftlicher Studien ist sogar f√ľr Wissenschaftler, die sich regelm√§√üig mit solcher Forschung besch√§ftigen, nicht immer einfach. So kann es passieren, dass selbst zwei Experten auf ihrem Gebiet unterschiedlicher Auffassung sind (siehe Rubrik Pro/Contra in jedem FOODFORUM). ‚ÄěManche Kunden und Kundinnen waren vor der Beratung bei mir auch schon bei anderen Ern√§hrungsberatern. Es kann vorkommen, dass sie dann verunsichert sind, weil sie von unterschiedlichen Beratern verschiedene Aussagen geh√∂rt haben‚Äú, sagt Dr. Steinbach. Aber das sei normal. ‚ÄěDie Ern√§hrungswissenschaft ist eben eine lebendige Wissenschaft, die sich schnell ver√§ndert‚Äú, erkl√§rt sie. Wie alle Wissenschaften ist auch die Ern√§hrungswissenschaft im st√§ndigen Wandel. Was heute als gesund gilt, muss es nach weiterer Forschung zuk√ľnftig nicht mehr zwangsl√§ufig sein. Das ist frustrierend ‚Äď aber Fakt. Deshalb ist es immer ratsam, ausgebildeten Ern√§hrungswissenschaftlern und Di√§tassistenten auch dann mehr Vertrauen zu schenken, wenn sie eben keine solch eindeutigen und klaren Empfehlungen geben k√∂nnen, wie man es sich vielleicht w√ľnscht. Denn sie treffen Aussagen zu gesunder Ern√§hrung immer auf Grundlage des aktuellen Standes der Wissenschaft, der sich mit einem Erkenntnisfortschritt schnell √§ndern kann. Andere selbsternannte Ern√§hrungsexperten, die fast schon religionsartig bestimmte Ern√§hrungsarten propagieren, wissen entweder nicht √ľber den unsteten Charakter der Ern√§hrungswissenschaft Bescheid, oder sie ignorieren ihn. Beides ist wenig vertrauensw√ľrdig. ‚ÄěDabei ist Vertrauen in der Ern√§hrungsberatung gerade was √Ąngste und Unsicherheiten angeht, eines der entscheidenden Themen. Es ist deshalb wichtig, dass Kunden, wenn sie sich bei einem Ern√§hrungsberater nicht zu hundert Prozent wohlf√ľhlen, ruhig nochmal wechseln, um jemanden zu finden, bei dem sie sich gut aufgehoben f√ľhlen und die eigenen Anliegen offen ansprechen k√∂nnen.‚Äú, sagt Dr. Christina Steinbach.

jeden neuenMentale Gesundheit nicht vergessen

Solange die mentale Gesundheit nicht darunter leidet, ist nichts dagegen einzuwenden, mit Hilfe des Ern√§hrungsverhaltens die k√∂rperliche Gesundheit optimieren zu wollen. Wenn die Gedanken darum aber zur Obsession werden, spricht man vom Krankheitsbild der Orthorexie, dem zwanghaften Bed√ľrfnis, unbedingt gesund essen zu wollen (siehe FOODFORUM 4/19). Aber auch schon vorher kann ein starkes Verlangen nach optimaler Ern√§hrung zur Belastung werden. Bei all den zweifellos wichtigen, gesundheitsrelevanten Aspekten beim Essen darf ja auch eines nicht vergessen werden: Essen ist auch Lebensqualit√§t, soziales Miteinander, Ausdruck von Kultur und Genuss.

FAZIT: Nicht alle Ern√§hrungstipp und jeden neuen Trend, der optimale Gesundheit verspricht, allzu ernst nehmen, sondern locker bleiben und offen f√ľr Neues. Eine gesunde Ern√§hrung muss nicht perfekt sein, und sie zu entwickeln, ist ein Prozess, der durchaus das ganze Leben lang dauern darf. Sie ist individuell und sollte nie zu stark von Verpflichtungen gepr√§gt sein, sondern immer auch Spa√ü machen. Und besonders wichtig: Genie√üen nicht vergessen!
Redaktion
Nina Susann Schmidt
Ernährungswissenschaftlerin und Journalistin
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