Klimafreundlich einkaufen

Sind regionale Lebensmittel stets die bessere Wahl? So einfach ist es nicht. Denn neben langen Transportwegen verschlechtern viele weitere Faktoren die Klimabilanz, die uns oft nicht bewusst sind. Inga Pfannebecker gibt nachhaltige Einkaufstipps
Text: Inga Pfannebecker | Fotos: Unsplash

 

Agavendicksaft und Ahornsirup

Die beiden Zuckeralternativen sind besonders bei gesundheitsbewussten Menschen beliebt, stammen aber aus U╠łbersee und sind daher o╠łkologisch gesehen weniger empfehlenswert als heimischer Honig oder Zucker. Also besser in kleinen Mengen als besondere Extras konsumieren.

Äpfel

Apfelba╠łume gibt es in ganz Deutschland. A╠łpfel geho╠łren also zu den Obstsorten, die wirklich jeder aus der Region kaufen kann. Nicht nur auf dem Wochenmarkt oder direkt beim Bauern, selbst im Supermarkt werden A╠łpfel oft aus der Umgebung angeboten. Einfache Sache also, die A╠łpfel aus U╠łberseela╠łndern wie Chile oder Neuseeland liegenzulassen und zur heimischen Variante zu greifen oder zumindest Sorten aus europa╠łischen Anbaugebieten wie Su╠łdtirol zu bevorzugen. Leider ist es komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint: Der Apfel ist ein perfektes Beispiel dafu╠łr, dass wir viele Aspekte in Betracht ziehen mu╠łssen, um die Nachhaltigkeit eines Lebensmittels beurteilen zu ko╠łnnen. Denn wa╠łhrend ein Apfel aus der Region zur Erntezeit im Herbst eindeutig die beste Wahl in Sachen Nachhaltigkeit ist, sieht die Bilanz im Fru╠łhsommer schon anders aus, wenn der gleiche Apfel in Klimalagern schon mehr als sechs Monate gelagert und knackig gehalten wurde, weil seine Saison schon lange vorbei ist. Denn um die richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit fu╠łr eine mo╠łglichst lange Haltbarkeit der Fru╠łchte zu gewa╠łhrleisten, wird viel Energie verbraucht. So viel, dass mit dem Schiff transportierte A╠łpfel aus U╠łbersee ab dem Fru╠łhsommer in Sachen Klimabilanz oft besser dastehen. Als Faustregel gilt: Klimafreundlicher sind heimische A╠łpfel von der Ernte im September bis in den Mai. Ab Juni bis zur neuen Ernte im September sind A╠łpfel aus U╠łbersee die bessere Wahl.

Avocados

Die gesunde Frucht ist beliebt wie nie. In den letzten Jahren ist sie aufgrund ihrer schlechten Klimabilanz allerdings auch in Verruf geraten. Avocados werden hauptsa╠łchlich in Su╠łdamerika angebaut. Allein im fu╠łhrenden Erzeugerland Mexiko werden als Folge der gestiegenen Nachfrage ja╠łhrlich zwischen 1.500 und 4.000 Hektar Wald gerodet, um neue Anbaufla╠łchen fu╠łr Avocados zu gewinnen. Beru╠łcksichtigen wir zusa╠łtzlich die no╠łtige intensive Bewa╠łsserung der Superfrucht und ihren langen Transport nach Europa, wird ihr Konsum aus o╠łkologischen Gru╠łnden eigentlich zum No-Go. Durch ihre wertvollen Fettsa╠łuren ist die Avocado jedoch ein empfehlenswertes Lebensmittel, das besonders bei einer pflanzenbasierten Erna╠łhrung eine gute Alternative zu Butter, Fleisch und anderen tierischen Produkten sein kann. Verglichen damit, relativiert sich der o╠łkologische Fu├čabdruck etwas: Laut Klimarechner ist er ebenso gro├č wie der von Butter und weitaus geringer als der von Fleisch. Damit die Umwelt mo╠łglichst wenig belastet wird, sollten wir Avocados besser nur in Ma├čen genie├čen und zu Fru╠łchten in Bio-Qualita╠łt greifen, die aus Spanien oder Israel statt aus Su╠łdamerika kommen. Sie werden nachhaltiger angebaut und haben ku╠łrzere Transportwege.

Beeren

Frisch und saisonal aus der Region, womo╠łglich selbst gepflu╠łckt auf dem Feld oder direkt vom Erdbeerbauern, sind die Sommerfru╠łchte eindeutig die beste Wahl im Hinblick auf den Klimaschutz. Au├čerhalb der Saison ist dagegen Tiefku╠łhlware im Vergleich zu weit transportierten oder aus energieintensiven Gewa╠łchsha╠łusern stammenden, frischen Beeren die bessere Alternative. Eine Studie im Auftrag des Deutschen Tiefku╠łhlinstituts fand heraus, dass sich die Klimabilanz von frischem, tiefgeku╠łhltem und sogar Konservengemu╠łse nur minimal unterscheidet. 1 kg frischer Spinat spart dieser Studie zufolge gerade einmal so viel an Schadstoffemission ein wie eine 2 km lange Autofahrt verursacht. Andere Faktoren wie beispielsweise die Verpackung der Beeren ÔÇô Pappe oder Plastik ÔÇô fallen beim o╠łkologischen Fu├čabdruck also mehr ins Gewicht.

Blattsalat

Salate gibt es fast das ganze Jahr u╠łber. Wa╠łhrend der Saison stammen sie so gut wie immer aus deutschem Freilandanbau. In den ka╠łlteren Monaten kommen Salate ÔÇô bis auf robustere Sorten wie z. B. Feldsalat ÔÇô dagegen meist aus beheizten Gewa╠łchsha╠łusern, die einen hohen Energieverbrauch haben. Die O╠łkobilanz sieht daher schlechter aus als die von Salaten, die im spanischen Freiland gezogen und nach Deutschland transportiert werden. Hier also unbedingt auf die Saison achten und im Herbst und Winter auf Spa╠łtsorten wie Feldsalat, Radicchio oder Chicore╠üe umsteigen oder o╠łfter mal Rohkost aus Wintergemu╠łse statt Blattsalat auf den Tisch bringen.

Besser bio

Im Bio-Landbau wird auf chemische Pflanzenschutzmittel, Wachstums- und Du╠łngemittel sowie gentechnisch vera╠łndertes Saatgut verzichtet. Das schu╠łtzt Pflanzen und Tiere, wie Insekten und Vo╠łgel, und schont die Umwelt. Dies tra╠łgt
zur Nachhaltigkeit eines Lebensmittels bei.

Chiasamen

Die na╠łhrstoffreichen Samen kommen aus fernen La╠łndern wie Mexiko, China, Indien oder auch Australien. Der lange Transport vergro╠ł├čert ihren o╠łkologischen Fu├čabdruck deutlich. Leinsamen sind hier die klimafreundlichere Alternative, die a╠łhnlich zusammengesetzt sind und ebenso wie Chia beim Kontakt mit Flu╠łssigkeit aufquellen. Leinsamen wird immer o╠łfter auch in Deutschland oder im benachbarten europa╠łischen Ausland angebaut und kommt so mit ku╠łrzeren Transportwegen aus.

Exotisches Gem├╝se

Gemu╠łsesorten wie Pak Choi oder Bimi, Brokkoli mit langen Sta╠łngeln, waren fru╠łher nur als Importware mit langen Transportwegen erha╠łltlich. Mittlerweile werden diese Exoten immer ha╠łufiger auch in Deutschland oder Europa angebaut. Besonders im Bio-Gemu╠łseanbau sind solche Sorten heimisch geworden. Hier lohnt es sich also, im Bioladen, im Hofladen oder auf dem Wochenmarkt nach Produkten aus der Na╠łhe Ausschau zu halten.

CO2-Emissionen im Vergleich

Beim Transport von einem Kilogramm Lebensmitteln aus U╠łbersee fa╠łllt so viel CO2 an, dass dafu╠łr hierzulande 11 Kilogramm an Lebensmitteln per Fahrzeug oder Bahn transportiert werden ko╠łnnten. Bei Flugware aus U╠łbersee sind es sogar ganze 90 Kilogramm.

Die Ern├Ąhrung verursacht durchschnittlich 1,74 Tonnen CO2 pro Jahr und Kopf in Deutschland. Ein Viertel davon k├Ânnte eingespart werden, wenn sich alle Deutschen vegetarisch oder vegan ern├Ąhren w├╝rden.

Fleisch

Egal ob Rind, Schwein oder Geflu╠łgel: Aus der Region ist es immer nachhaltiger. Wer dann auch noch zu Bio-Qualita╠łt greift, unterstu╠łtzt nicht nur eine bessere Tierhaltung, sondern auch eine umweltfreundlichere Arbeitsweise. Denn hier wird hochwertigeres Futter verwendet und beispielsweise kein Sojaschrot aus Su╠łdamerika. Fu╠łr Rindfleisch aus U╠łbersee, z. B. aus Argentinien, werden gro├če Waldfla╠łchen gerodet, was einen verheerenden Einfluss auf das Klima hat. Generell hat Fleisch, vor allem Rindfleisch, eine sehr viel schlechtere Klimabilanz als pflanzliche Lebensmittel (siehe FOODFORUM-Serie ÔÇ×Fleischkonsum & NachhaltigkeitÔÇť, Teil 3: Rindfleisch, Heft 3/21).

Getreide

Getreide und Getreideprodukte wie Mehl stammen fast immer aus Deutschland oder Europa. Wer hier kleine Bauern und Mu╠łhlen in der Region unterstu╠łtzen will, kann in vielen Gegenden direkt bei einer Mu╠łhle, beim Bauern, im Hofladen oder im Bioladen regionale Anbieter und Produkte finden. Bei Pseudogetreide wie Buchweizen, Amaranth, Quinoa oder Hirse lohnt sich oft ein Blick aufs Etikett: Diese weniger nachgefragten Produkte stammen oft auch aus weit entfernten La╠łndern.

So l├Ąsst sich der ├Âkologische Fu├čabdruck verringern

Nicht nur was wir einkaufen, sondern auch wie wir einkaufen, ist ein wichtiger Faktor fu╠łr die Klimabilanz: Eine sechs Kilometer lange Einkaufsfahrt mit dem Auto verbraucht 1,15 Mega-Joule ÔÇô das ist dieselbe Menge an Energie, die ein Lebensmittel aus U╠łbersee auf einer vier- wo╠łchigen Reise mit dem Containerschiff verbraucht. Wer das Auto regelma╠ł├čig stehen la╠łsst und Einka╠łufe zu Fu├č oder mit dem Rad erledigt, sich mit anderen fu╠łr Einkaufsfahrten zusammenschlie├čt oder gezielt Gro├čeinka╠łufe macht, kann auch auf diese Weise den eigenen erna╠łhrungsbedingten o╠łkologischen Fu├čabdruck verringern.

Honig

Honig vom Imker aus der Region ist nicht nur wegen der kurzen Transportwege empfehlenswert. Durch seinen Kauf unterstu╠łtzen wir auch aktiv den Artenschutz in der Region und helfen, dem Bienensterben entgegenzuwirken. Der meiste Honig, der im Supermarkt und oft auch im Bioladen zu finden ist, stammt dagegen aus einer Mischung von Honig aus EU- und Nicht-EU-La╠łndern, hat also la╠łngere Transportwege hinter sich und ist damit aus o╠łkologischer Sicht weniger empfehlenswert.

Selber machen lohnt sich

Fertigprodukte wie z. B. Instant-Gemu╠łsebru╠łhepulver, Tiefku╠łhlpizza oder pflanzliche Fleisch-Alternativen sparen Zeit im Alltag und sind praktisch. In Punkto Nachhaltigkeit schneiden sie durch aufwendige (Plastik-)Verpackungen, lange Transporte und teils energieintensive Ku╠łhlung aber schlechter ab als die selbsthergestellte Variante aus meist umweltfreundlich verpackten Grundprodukten wie Getreide, Hu╠łlsenfru╠łchten und Gemu╠łse. Plus: Sie wissen, was drin ist, und sparen auch noch Geld.

Redaktion
Inga Pfannebecker
Diplom-├ľkotrophologin, Expertin f├╝r Food-News und Rezeptentwicklungen.
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