Nachhaltig Schwein gehabt?

Wer auf Schweinefleisch nicht verzichten will, sollte zumindest Produkte mit Gu╠łtesiegel kaufen, die Tierwohl und Klimaschutz im Blick haben und Bio-Qualita╠łt ausweisen. FOODFORUM erkla╠łrt, was hier Sache ist
Text: Simonetta Zieger | Fotos: unsplash / Pascal Debrunner

Schweinefleisch ist der unangefochtene Liebling unter den Fleischsorten der Deutschen. Mit 34,1 kg liegt der ja╠łhrliche Pro-Kopf-Verzehr weit vor dem von Geflu╠łgel- und Rindfleisch mit 13,8 kg bzw. 10 kg. Und das ist kein Wunder, denn fast alle Ko╠łrperteile werden verwertet, landen als Roulade, Haxe, Schinken, Wurst, Schnitzel, Steak oder dem klassischen Sonntagsbraten auf dem Teller oder auf dem Bro╠łtchen. Toll, ko╠łnnte man denken, zumindest wird wenig davon weggeworfen und der Lebensmittelverschwendung entgegengewirkt. Doch punktet Schweinefleisch hier tatsa╠łchlich in Sachen Nachhaltigkeit? Nein, sagen Experten, die sich mit der Klimabilanz auseinandersetzen. Ein Blick u╠łber den Tellerrand ist also dringend no╠łtig.

Schlechte ├ľkobilanz f├╝r Schweinefleisch

Im Jahr 2013 haben Wissenschaftler des Instituts fu╠łr Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Heidelberg den CO2-Fu├čabrduck sowie die Umweltbilanz von Schweinefleisch ermittelt und in einem Bericht vero╠łffentlicht. So wurde je Kilogramm Schweinefleisch ein CO2-A╠łquivalent von 2,4 bis 16 kg errechnet. Zum Vergleich: Eine Autofahrt von 100 km verursacht in etwa Emissionen dieser oberen Gro╠ł├čenordnung. Nur Rindfleisch liegt hier mit 9 bis 33 kg noch ho╠łher als andere Fleischsorten. Die Erkla╠łrung fu╠łr diese gro├čen Spannweiten liegt in der unterschiedlichen landwirtschaftlichen Produktion des Fleisches. Unterschiede in Vermarkung und Schlachtung spielen hingegen eine geringere Rolle. Daher schlussfolgert die ifeu: ÔÇ×Optimierungsmo╠łglichkeiten im Hinblick auf die CO2-Produktion beim Schweinefleisch sind vor allem in der landwirtschaftlichen Erzeugung und in gewissem Umfang bei der Vermarktung zu suchen.ÔÇť Aber was bedeutet das fu╠łr den Verbraucher?

Schaf- und Ziegenfleisch

ersetzt in ju╠łdischen und islamischen Kultur- und Religionskreisen oftmals Schweinefleisch, das hier tabu ist. In Deutschland werden dagegen laut Statistischem Bundesamt pro Kopf und Jahr nur 0,6 kg Fleisch von Schaf und Ziege verzehrt.

Wichtig ist es, schon beim Einkaufen genau hinzusehen. Vor allem Gu╠łtesiegel ko╠łnnen Aufschluss daru╠łber geben, wie es um die O╠łkobilanz des Produkts steht. Professor Volkmar Nu╠łssler, Gescha╠łftsfu╠łhrender Koordinator des Tumorzentrums Mu╠łnchen (TZM) engagiert sich als Arzt nicht nur fu╠łr gesunde Erna╠łhrung aus nachhaltiger Landwirtschaft, sondern insbesondere auch fu╠łr eine artgerechte Nutztierhaltung. Denn sie wird nicht nur dem Bewegungsdrang der Tiere gerecht, sondern sichert ihnen auch naturbelassenes Futter. Fu╠łr Nu╠łssler ist die Sache klar: ÔÇ×Grundsa╠łtzlich gilt, dass Bio-Fleisch o╠łkologisch eher akzeptabel ist als solches aus konventioneller Produktion.ÔÇť Schweinefleisch mit dem EU-Bio-Siegel ÔÇô und natu╠łrlich auch das jedes anderen Tieres ÔÇô sei nachhaltiger erzeugt worden, erkla╠łrt er und erga╠łnzt: ÔÇ×Positiver Nebeneffekt ist, dass dieses Fleisch auch nach rein wissenschaftlichen Kriterien gesu╠łnder ist, denn es weist ein gu╠łnstigeres Fettsa╠łureprofil mit einem ho╠łheren Gehalt an gesunden Omega-3-Fettsa╠łuren auf.ÔÇť Hinzu kommt natu╠łrlich (wie immer!) der Regionalita╠łtsaspekt. Denn je weiter ein Lebensmittel transportiert wird, desto schlechter ist seine Klimabilanz ÔÇô Bio und Regio hin oder her. ÔÇ×Fleisch sollte seltener und dafu╠łr viel bewusster gegessen werden ÔÇô Qualita╠łt muss vor Quantita╠łt gehenÔÇť, fordert Nu╠łssler.

Zahlen und Fakten
  • 55 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2020
  • ÔÇ×Man sollte ein paar fleischlose Tage pro Woche anstreben oder, wie fru╠łher u╠łblich, nur an einem Tag in der Woche Fleisch essen.ÔÇť Prof. Dr. med. Volkmar Nu╠łssler, Tumorzentrum Mu╠łnchen (TZM)
  • 79 % der deutschen Bevo╠łlkerung sehen in einem reduzierten Fleischkonsum die richtige Lo╠łsung, um eine wachsende Weltbevo╠łlkerung zu erna╠łhren. Bundesministeriums fu╠łr Erna╠łhrung und Landwirtschaft (BMEL), Bonn, Erna╠łhrungsreport 2020

Schweine sind gute Futterverwerter

Quantita╠łt ist ein wichtiger Aspekt in der Nutztierhaltung. So entfa╠łllt ein gro├čer Teil der CO2-A╠łquivalente auf die Produktion der gro├čen Mengen an Futter ÔÇô und zwar bei allen Masttierarten. Im Vergleich zu Rindern haben Schweine allerdings eine bessere Futterverwertung. Das bedeutet, sie legen mit der gleichen Menge Futtermittel mehr Gewicht zu als Rinder und produzieren folglich mehr Fleisch mit weniger Futter-Ressourcen. Zu╠łchter versuchen, die Futterverwertung der Tiere sogar immer weiter zu optimieren. Ein Blick auf die Verdauung zeigt ebenfalls: Weil Schweine keine Wiederka╠łuer sind, produzieren sie weniger treibhauswirksame Gase. Zugleich argumentieren Landwirte, dass die anfallenden Ausscheidungen der Tiere ein wichtiger Rohstoff fu╠łr die Energiegewinnung sind, weil sie beispielsweise in Biogasanlagen verarbeitet und anschlie├čend als Du╠łnger genutzt werden ko╠łnnen.

FAZIT: Schweinefleisch hat aus Klimasicht gegenu╠łber Rindfleisch die Nase vorn. Allerdings gilt wie fu╠łr den Konsum jedes anderen Fleisches auch: Klasse statt Masse. Produkte mit Regionalita╠łts- und Bio-Siegel schneiden zudem aus der Nachhaltigkeitsperspektive besser ab.
Redaktion
Simonetta Zieger
Ern├Ąhrungs- und Gesundheitswissenschaftlerin (M.Sc.), Expertin f├╝r Nachhaltigkeit, Gesundheitsf├Ârderung und Rezepte
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