Wie nachhaltig ist Geflu╠łgelfleisch?

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Vor allem Fleisch schneidet hier meist schlecht ab. Wir gehen der Sache auf den Grund: wie nachhaltig ist Gefl├╝gelfleisch?
Text: Simonetta Zieger | Fotos: William Moreland / unsplash

Der Pro-Kopf-Verzehr von Geflu╠łgelfleisch in Deutschland lag 2019 laut Bundesanstalt fu╠łr Landwirtschaft und Erna╠łhrung bei 13,8 kg pro Jahr und liegt damit nach Schweinefleisch auf Platz zwei in der Beliebtheitsskala, gefolgt von Rindfleisch. Dazu za╠łhlen Mastha╠łhnchen, Puten, Suppenhu╠łhner sowie Enten. Der Anteil der Geflu╠łgelarten am Gesamtverzehr folgt u╠łbrigens genau dieser Reihenfolge, wobei Mastha╠łhnchen mit 65 Prozent mit deutlichem Abstand am liebsten auf dem Teller landen. Sie wurden speziell fu╠łr die Fleischproduktion gezu╠łchtet und legen rasant das bis zu 50-fache ihres Geburtsgewichts zu (von 40 g auf 2 kg). Um beurteilen zu ko╠łnnen, wie nachhaltig diese Erna╠łhrungsgewohnheit ist, mu╠łssen Ressourcen-Nutzung und Emissionen bei der ÔÇ×ProduktionÔÇť genauer betrachtet werden. Allen voran sind dies der Wasser- und Fla╠łchenverbrauch sowie der indirekte Verbrauch von Ressourcen durch Verpackung und Transport. Ebenso die Produktion von Treibhausgasen flie├čt in die Nachhaltigkeitsbeurteilung mit ein.

Schlechte CO2-Bilanz f├╝r Soja-Futtermittel

Ein Mastha╠łhnchen wird in konventionellen Betrieben durchschnittlich 41 Tage und in o╠łkologischer Haltung 70 bis 90 Tage
alt, bevor es geschlachtet wird. Wa╠łhrend dieser Zeit isst und trinkt es. In der konventionellen Haltung besteht das Futter hauptsa╠łchlich aus Sojaschrot. Ungefa╠łhr ein Kilogramm davon muss ein Huhn im Laufe seines Lebens fressen, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen. Bei Schweinen und Rindern fa╠łllt die Bilanz mit 650 Gramm bzw. 230 Gramm Futter pro Kilogramm Fleisch um einiges geringer aus. Fu╠łr diese Art der Fu╠łtterung bekommt Geflu╠łgelfleisch hinsichtlich seiner Nachhaltigkeit schlechte Noten. Denn: Der CO2-Fu├čabdruck der Sojaprodukte ist massiv, da sie gro╠ł├čtenteils aus U╠łbersee, vor allem aus Brasilien und Argentinien, importiert werden. Hinzu kommt der sogenannte ÔÇ×Sojafla╠łchen- Fu├čabdruckÔÇť. Um die hohe Nachfrage nach Soja-Futtermitteln befriedigen zu ko╠łnnen, wird in den Anbaula╠łndern Regenwald abgeholzt und somit fu╠łrs Klima wichtige Fla╠łche unwiderruflich zersto╠łrt. Gleichzeitig wird das in den Ba╠łumen u╠łber Jahre hinweg gespeicherte CO2 in die Atmospha╠łre abgegeben. Bei der Bio-Geflu╠łgelmast la╠łuft das anders ab. Na╠łmlich nachhaltiger! Grund dafu╠łr ist, dass hauptsa╠łchlich heimische Hu╠łlsenfru╠łchte wie Erbse, Ackerbohne und Lupine, aber auch Rapsschrot in den Futtermischungen landen, die kurze Transportwege haben. Das fu╠łhrt auf deutschen A╠łckern zudem zum wechselnden Anbau verschiedener Sorten, was ebenfalls gut fu╠łr die Umwelt ist, weil es zum Beispiel die Biodiversita╠łt fo╠łrdert und die Bo╠łden weniger belastet.

Hoher Wasserverbrauch

Doch neben Fla╠łche wird auch Wasser verbraucht. Bei konventioneller Geflu╠łgelfleischproduktion kommen auf diese Weise ca. 4.325 Liter pro Kilogramm Fleisch zusammen. Bei biologisch-dynamischer Haltung sind es wegen der bevorzugt regionalen Fu╠łtterung weniger, denn in Deutschland hergestellte Futtermittel beno╠łtigen meist keine ku╠łnstliche Bewa╠łsserung. Somit erfordert die Geflu╠łgelproduktion nur knapp ein Drittel respektive drei Viertel der Wassermenge, die fu╠łr die Produktion der gleichen Menge an Rind- beziehungsweise Schweinefleisch verbraucht wird. Das klingt zuna╠łchst positiv. Vergleicht man den Wasserverbrauch allerdings mit dem, der beim Anbau von Getreide, Kartoffeln, Obst und Gemu╠łse anfa╠łllt, ist er trotzdem locker 10- bis 20- mal ho╠łher ÔÇô auch beim Bio-Fleisch! Neben Fla╠łchen- und Wasserverbrauch sind auch die Treibhausgase mit in den Footprint von Geflu╠łgelfleisch einzurechnen. Das betrifft vor allem die oben beschriebenen CO2- Freisetzungen, die durch U╠łbersee-Transport von Soja-Futtermitteln entstehen, aber auch durch die Rodung der (Regen-) Wa╠łlder, durch die man Anbaufla╠łche gewinnen will.

Fakten
  • 79 % der deutschen Bevo╠łlkerung sehen in einem reduzierten Fleischkonsum die richtige Lo╠łsung, um eine wachsende Weltbevo╠łlkerung zu erna╠łhren. Quelle: Erna╠łhrungsreport 2020 des Bundesministeriums fu╠łr Erna╠łhrung und Landwirtschaft
  • Ca. zwei Futterkilokalorien (pflanzlichen Ursprungs) sind no╠łtig um eine Kilokalorie Geflu╠łgelfleisch zu gewinnen. Quelle: Weltagrarbericht, 2017
  • 1,8 Prozent des verkauften Geflu╠łgelfleischs stammte 2019 aus Biohaltung. Quelle: Bericht der O╠łkologischen Lebensmittelwirtschaft, 2019

Klimasch├Ądliche Treibhausgase

Dennoch hat Geflu╠łgelfleisch im Hinblick auf die CO2-Bilanz im Vergleich zu anderen Tierarten die Nase vorn. Wu╠łrde der CO2-Aussto├č von 100 Gramm Fleisch auf zuru╠łckgelegte Autokilometer umgerechnet, wa╠łren dies beim Huhn zwei, beim Schwein drei und beim Rind sogar acht Kilometer. Damit ist der CO2-Fu├čabdruck aber noch nicht fertig berechnet. Auch die Lachgasemission (durch den Hu╠łhnerkot) muss in CO2-A╠łquivalente umgerechnet und zur direkten CO2-Produktion addiert werden. Klimascha╠łdliches Methan spielt bei Geflu╠łgel keine Rolle, da es fast ausschlie├člich im Magen von Wiederka╠łuern gebildet und somit vor allem von Ku╠łhen, Rindern und Schafen ausgesto├čen wird. Auf diese Weise summieren sich nach Angaben des World Wide Fund for Nature (WWF) 4,22 Kilogramm Treibhausgas-Emissionen fu╠łr jedes Kilogramm Hu╠łhnerfleisch. Das sind zwar weniger als bei Rind- und Schweinefleisch, aber mehr als bei Getreide und anderen Produkten pflanzlichen Ursprungs. Die Zahlen zeigen: Egal ob in puncto Wasser, Fla╠łche oder Treibhausgasen ÔÇô Geflu╠łgelfleisch hat einen nicht zu unterscha╠łtzenden Einfluss auf die Gesundheit der Erde. Du╠łrfen wir es also noch guten Gewissens konsumieren Wissenschaftler, die im Fru╠łhjahr 2019 die ÔÇ×Planetary Health DietÔÇť vero╠łffentlicht haben, sagen Ja. Unter Beru╠łcksichtigung all dieser Aspekte sowie im Hinblick auf die Endlichkeit der weltweiten Ressourcen und die wachsende Weltbevo╠łlkerung haben die Experten Mengenempfehlungen fu╠łr Lebensmittel(-gruppen) vero╠łffentlicht, die sie fu╠łr die Weltbevo╠łlkerung als nachhaltig einstufen. Beim Geflu╠łgelfleisch sind das 29 Gramm pro Tag und pro Mensch, also 10,6 Kilogramm in 365 Tagen. Diese Empfehlung liegt mehr als zwei Kilogramm unter dem aktuellen tatsa╠łchlichen Verzehr der Deutschen. Die Devise muss also lauten: Weniger, dafu╠łr besseres Fleisch! Und diese Erkenntnis du╠łrfte vermutlich fu╠łr niemanden neu sein.

FAZIT: Eine pflanzenbetonte Kost ist die nachhaltigste Erna╠łhrungsform. Hinsichtlich der Nachhaltigkeit schneidet aber das Geflu╠łgelfleisch am besten unter den Fleischsorten ab. Wer noch dazu auf Herkunft und Wirtschaftsweise des Geflu╠łgelbetriebs achtet und Lebensmittelabfa╠łlle vermeidet, kann Geflu╠łgelfleisch ab und zu als wertvolle Protein- und Genussquelle bewusst in seinen nachhaltigen Speiseplan integrieren.
Redaktion
Simonetta Zieger
Ern├Ąhrungs- und Gesundheitswissenschaftlerin (M.Sc.), Expertin f├╝r Nachhaltigkeit, Gesundheitsf├Ârderung und Rezepte
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