Volkskrankheit Fettleber

Fettleber: Ursachen & Vorbeugung

Eine verfettete Leber entsteht nicht nur durch ĂŒbermĂ€ĂŸigen Alkoholkonsum. Auch eine falsche ErnĂ€hrung kann sie auslösen. Die nicht-alkoholische Fettleber ist auf dem Vormarsch.Was sind die Ursachen fĂŒr eine Fettleber und wie sieht die Vorbeugung aus?
Text: Merle Schonvogel | Fotos: SciePro

Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal an Ihre Leber gedacht? Wahrscheinlich können Sie sich nicht daran erinnern. Wir beschĂ€ftigen uns im Allgemeinen nĂ€mlich eher selten mit dem Organ, das direkt unter dem Zwerchfell im rechten Oberbauch liegt. Warum auch? Im Gegensatz zu anderen Organen bekommen wir von der Leber selten etwas mit. Das liegt daran, dass sie keine Nervenfasern oder Schmerzrezeptoren besitzt – sie ist quasi stumm. Die Leber steckt viel weg und meldet sich erst, wenn wirklich gar nichts mehr geht.

Außerdem ist sie ein wahres Multitalent und gleichzeitig Vorratskammer, Entgiftungszentrale und Organisator in einem: Die Leber speichert nicht nur lebenswichtige fettlösliche Vitamine und Mineralien und gibt sie bei Bedarf an den Organismus ab. Sie ist auch ein Energiespeicher, lagert Glucose in Form von Glykogen ein, um es wieder in den Blutkreislauf abzugeben, wenn wir Energie brauchen.

Die Leber ist ein Multitalent

Sie filtert Giftstoffe wie etwa Alkohol, körpereigene AbfĂ€lle und RĂŒckstĂ€nde von Medikamenten aus dem Blut und sorgt dafĂŒr, dass sie abgebaut werden. Sie steuert darĂŒber hinaus mehr als 1.000 biochemische Reaktionen, die u. a. fĂŒr den Fettstoffwechsel, die Eiweiß- und Hormonproduktion sowie die Blutgerinnung und das Immunsystem wichtig sind. Und das alles 24 Stunden am Tag, Pausen kennt die Leber nicht.

Zudem kann sie etwas, das sie von allen anderen Organen unterscheidet: Sie repariert sich selbst. „Entstehen durch Infekte oder Giftstoffe SchĂ€den, kann die Leber durch die vermehrte Teilung von gesunden Leberzellen neues Gewebe bilden und wieder zu alter GrĂ¶ĂŸe heranwachsen“, erklĂ€rt Internistin und ErnĂ€hrungsmedizinerin Professor Julia Seiderer-Nack aus MĂŒnchen.

Das war sogar schon den alten Griechen bekannt: In einer Sage heißt es, dass Zeus den Titan Prometheus aus Zorn an einen Felsen kettet und jeden Tag ein Adler vorbeikommt, um ein StĂŒck seiner Leber zu fressen. Weil sich dieses aber immer wieder erneuert, dauern seine Qualen lange an – so lange, bis Zeus‘ Sohn Herakles ihn schließlich rettet und den Adler tötet.

Fettleber Risiko selbst testen

Der Online-Test zeigt anonym und kostenlos, ob ein erhöhtes Risiko fĂŒr eine lebensstilbedingte nicht-alkoholische Fettleber besteht. Basierend auf wissenschaftlichen Studien, wird durch die Beantwortung einiger Fragen das eigene Fettleber-Risiko errechnet. Der Fragebogen gibt eine erste Orientierung, ersetzt jedoch keinesfalls eine individuelle Ă€rztliche Beratung oder Untersuchung: www.fettlebercoach.de

SchÀden sind lange reversibel

NatĂŒrlich ist auch diese RegenerationsfĂ€higkeit endlich, erklĂ€rt die Expertin: „Voraussetzung ist, dass das Organ noch nicht zu stark beschĂ€digt ist und noch keine Zirrhose vorliegt.“ Eine reine Fettlebererkrankung und sogar eine FettleberentzĂŒndung seien noch reversibel, wenn sie rechtzeitig erkannt wĂŒrden. BeschĂ€digungen können aus vielen verschiedenen GrĂŒnden entstehen.

Eine Möglichkeit sind Medikamente, schließlich wird fast jeder Wirkstoff ĂŒber den Darm in die Leber transportiert und darĂŒber abgebaut. Besonders Paracetamol spielt hier eine Rolle, da es eines der am hĂ€ufigsten genutzten Schmerzmittel in Deutschland ist und meist sorglos eingenommen wird. Bei richtiger Anwendung ist das Medikament fĂŒr eine gesunde Leber unproblematisch, aber Vorsicht: „Bei zu hohen Dosen kann es zu schweren SchĂ€den der Leber und sogar zu Organversagen fĂŒhren“, warnt Internistin Seiderer-Nack.

Ursachen fĂŒr eine Fettleber

Versteckte Fructose

Auf der Zutatenliste taucht Fructose hÀufig als Maissirup, Glucose-Fructose-Sirup oder High- Fructose-Cornsyrup auf. Dahinter verbirgt sich der aus Mais hergestellte, stark fructosehaltige Kunstzucker. Er ist so gefÀhrlich, weil er im Gegensatz zu Glucose in der Leber nicht resorbiert werden kann, sondern direkt in Fett umgewandelt wird.

Leberfeind Glucose

Neben Krankheiten wie Krebs und einer LeberentzĂŒndung (Hepatitis) ist Alkohol ein bekannter Zerstörer der Leber. Von den rund 15.000 Alkoholtoten im vergangenen Jahr starb etwa die HĂ€lfte an Leberversagen. Immer wichtiger wird jedoch ein Leberfeind, der lange kaum beachtet wurde: die falsche ErnĂ€hrungs- und Lebensweise im 21. Jahrhundert. „Die Diagnose ‚nicht-alkoholische Fettleber (NAFLD)‘ ist mittlerweile die hĂ€ufigste chronische Lebererkrankung in Europa und den USA“, so die Expertin. In Deutschland ist laut Deutscher Leberstiftung bereits jeder vierte ĂŒber 40-JĂ€hrige betroffen und jedes dritte ĂŒbergewichtige Kind.

Die Ursachen: Bewegungsmangel, zucker- und fettreiche ErnĂ€hrung sowie genetische Faktoren. In den letzten Jahren wurde ein weiterer SchĂ€diger entlarvt: die Fructose, insbesondere die industriell hergestellte. Diese kann im Gegensatz zur Glucose nicht in den Zuckerspeichern der Leber deponiert werden, sondern wird bei einem Überangebot direkt in Fett umgewandelt. Dazu kommt, dass sie die Fettverbrennung in der Leber bremst. Ein Teufelskreis. Besonders pikant: Noch bis vor einigen Jahren bekamen Diabetiker die Empfehlung, Haushaltszucker durch Fructose zu ersetzen, weil dadurch der Blutzuckerspiegel langsamer ansteige, Fructose also die gesĂŒndere Alternative sei. Das aber ist falsch, weiß man heute. Wer aber nun meint, auf eine normale Menge an Obst verzichten zu mĂŒssen, weil dort schließlich Fructose enthalten ist, den kann ErnĂ€hrungsmedizinerin Seiderer-Nack beruhigen. „FĂŒr unseren Körper macht es einen großen Unterschied, ob der Fruchtzucker in Form eines Apfels oder als industriell hergestellte und hochdosierte Fructose im Stoffwechsel landet.“ Anders sieht das allerdings bei SĂ€ften oder Smoothies aus, die das Obst in konzentrierter Form enthalten und durch die wir schnell viel zu große Mengen aufnehmen, die dann auch der Leber schaden können. Ein Tipp: Auf die Zutatenliste des Smoothies gucken und sich das Obst vorstellen. Meist ist darin viel mehr enthalten als wir essen wĂŒrden, wenn wir es kauen mĂŒssten.

Ein großer Risikofaktor fĂŒr eine nichtalkoholische Fettleber ist außerdem Übergewicht: Bei der Analyse der Daten von rund 5.500 Menschen in den USA kam heraus, dass ein hoher Body-Mass-Index – der Grenzwert liegt demnach etwa bei 30 bis 32,5 – die Wahrscheinlichkeit einer NAFLD um das Zehnfache erhöht. Entscheidend ist hier allerdings auch, wie das Fett am Körper verteilt ist: „Bauchfett ist riskanter als HĂŒftgold“, sagt die Internistin. „Je mehr Bauchfett vorhanden ist, desto mehr freie FettsĂ€uren werden freigesetzt, die ĂŒber die Pfortader in die Leber gelangen und dort die Entstehung einer Fettleber fördern.“ Die Symptome einer Fettleber sind ĂŒbrigens sehr unspezifisch und werden von Betroffenen lange nicht richtig zugeordnet. Dazu gehören MĂŒdigkeit, Konzentrationsstörungen, Verdauungsbeschwerden und MigrĂ€ne. Erst, wenn die Leber durch Fetteinlagerungen deutlich grĂ¶ĂŸer geworden ist, kann sich dies durch Schmerzen im Oberbauch bemerkbar machen.

Erhöhtes Risiko fĂŒr Leberzirrhose

Eine nicht-alkoholische Fettleber kann unbehandelt am Ende zu einer Leberzirrhose fĂŒhren. Hierbei ist die normale Architektur der Leber komplett zerstört und das gesunde Gewebe durch vernarbtes ersetzt. Das Organ ist nicht mehr weich und elastisch, sondern steinhart und kann seiner Aufgabe nur noch sehr eingeschrĂ€nkt nachkommen. Die Folgen sind potentiell tödliche Komplikationen wie eine erhöhte Blutungsneigung, Bildung von Bauchwasser oder Gelbsucht.

Fettleber: Vorbeugung ist das A & O

Bitterstoffe sind Leberfreundlich

Aber was hilft der Leber nun dabei, wieder gesund und stark zu werden? Ganz allgemein gesagt: eine vollwertige ErnĂ€hrung mit wenig Zucker, gesĂ€ttigten FettsĂ€uren und Alkohol. Und im Speziellen: GemĂŒse und KrĂ€uter, die Bitterstoffe enthalten. Viele davon stecken in Artischocken, Radicchio, Mariendistel, Löwenzahn und Enzianwurzel. Bitterstoffe regen unter anderem die AusschĂŒttung von Gallensaft an. „Durch diese vermehrte AusschĂŒttung kann die Leber deutlich besser Schadstoffe ausscheiden und den Körper entgiften“, erklĂ€rt Seiderer-Nack. Bitterstoffe verschwinden jedoch heutzutage immer mehr vom Speiseplan. Der Geschmack in vielen Lebensmitteln hat oft nur noch zwei AusprĂ€gungen: sĂŒĂŸ und salzig, von herb aber keine Spur. Deswegen lohnt es sich, der Lebergesundheit zwischendurch unter die Arme zu greifen und viel frisches GemĂŒse zu verzehren oder konzentrierte Tonika und SĂ€fte aus Artischocke oder Mariendistel zu genießen. Eine eiweißreiche und gleichzeitig leicht kohlenhydratreduzierte ErnĂ€hrung hat ebenfalls positive Auswirkungen auf die Leber; zumindest fĂŒr Typ-2-Diabetiker zeigte das eine Studie am Deutschen Institut fĂŒr ErnĂ€hrungsforschung in Potsdam (DIfE) aus dem Jahr 2016. Die 37 Teilnehmer im Alter zwischen 49 und 78 Jahren litten zum Großteil zusĂ€tzlich an einer Fettleber. Binnen sechs Wochen nahm das Leberfett unter einer DiĂ€t mit 30 Prozent Eiweiß und Fetten und 40 Prozent Kohlenhydraten bis um die HĂ€lfte ab, und zwar ohne negative Folgen fĂŒr die Nierenfunktion zu haben.

Eiweißreiche ErnĂ€hrung schĂŒtzt

Die Eiweißquelle spielte dabei zwar keine Rolle, Verbraucher sollten aufgrund umweltrelevanter Aspekte bevorzugt auf pflanzliches Eiweiß setzen, heißt es von den Forscherinnen und Forschern. In einer kleinen Studie am DIfE zeigt sich dieser Effekt auch ganz aktuell in diesem Sommer an Nicht-Diabetes-Patienten: Die 19 Probanden erhielten drei Wochen lang entweder eine eiweißreiche oder eine eiweißarme kalorienreduzierte ErnĂ€hrung. Unter der eiweißreichen DiĂ€t sank der Leberfettgehalt um gut 40 Prozent, unter der eiweißarmen DiĂ€t blieb er nahezu unverĂ€ndert. Das Wissenschaftlerteam geht davon aus, dass die eiweißreiche DiĂ€t die Aufnahme, Speicherung und Synthese von Fett unterdrĂŒckt und fĂŒhrt dies auf verĂ€nderte GenaktivitĂ€ten zurĂŒck. Analysen der Leberproben zeigten nĂ€mlich, dass die Gene, die diesen Fettstoffwechsel im Organismus steuern, nach der eiweißreichen ErnĂ€hrung weniger aktiv waren als nach der eiweißarmen Kost. Die Ergebnisse mĂŒssen noch in grĂ¶ĂŸer angelegten Studien ĂŒberprĂŒft werden. Eine Umstellung auf mediterrane ErnĂ€hrung ist aber ganz abgesehen davon immer eine gute und gesunde Entscheidung.

FAZIT: Sich lebergesund zu ernĂ€hren ist gar nicht so schwierig: wenig Zucker, viel GemĂŒse und pflanzliches Eiweiß. Außerdem sollte man darauf achten, weniger Produkte mit zugesetzter Fructose zu sich zu nehmen, da diese die Leber schĂ€digt und ganz entscheidend mitverantwortlich fĂŒr eine Verfettung ist.
Redaktion
Merle Schonvogel
Ökotrophologin (B.Sc.), Expertin fĂŒr Food-Wissen
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