Prof. Hans Hauner: Ernährung während der Corona-Pandemie

Ernährung fürs Immunsystem

Ein starkes Immunsystem ist aktuell wichtiger denn je. Und dafür kann man selbst viel tun: Eine gesunde Ernährung und ein gesundes Gewicht helfen, die Abwehrkräfte zu stärken
Text: Prof. Dr. med. Hans Hauner, Dipl. oec troph Susanne Schmidt-Tesch | Fotos: Nadine Primeau

Die aktuelle Corona-Pandemie hat weite Teil unseres Lebens verändert: das Arbeitsleben, das Familienleben, unsere Freizeit-Aktivitäten und Hobbys. Auch unser Essverhalten hat sich verändert.

Die Kinder mussten zu Hause versorgt werden, die meisten Kantinen haben geschlossen oder bieten nur wenige Gerichte an. Salatbars sind meist völlig verschwunden.

Gleichzeitig besteht der Wunsch nach einer Ernährung, die unser Immunsystem fit hält, damit unser Körper dem Virus besser entgegentreten kann.

SARS-CoV-2

Das bedeutet „Severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2“ oder „schweres akutes respiratorisches Syndrom, bedingt durch Coronavirus-2. Die Krankheit, die dieser Virus auslöst, wird als COVID 19 bezeichnet.

Ernährung und Immunabwehr

Die Wechselwirkung zwischen Ernährung und der Funktion des Immunsystems findet schon seit einiger Zeit wachsendes Interesse in der Ernährungsforschung. Allerdings sind die gegenseitigen Beeinflussungen sehr komplex und beim Menschen schwierig zu erfassen. Zuverlässige Forschungsergebnisse sind daher noch rar.

Vereinfacht lässt sich jedoch sagen, dass Mangelernährung bzw. Untergewicht das Immunsystem schwächt.

Damit sinkt die Fähigkeit des Körpers Entzündungen, die durch Bakterien, Viren oder Pilze ausgelöst werden, zu bekämpfen. Aber auch eine kalorienreiche Ernährung mit hohem Anteil an tierischen Lebensmitteln hat eine leicht entzündungsfördernde Wirkung. Eine pflanzlich betonte Kost wirkt dagegen eher entzündungshemmend.

Immunsystem und Stoffwechsel

Im Rahmen von akuten Infektionskrankheiten zeigt sich, dass sich Energiezufuhr und Stoffwechsel verändern. Die Körpertemperatur steigt und der Körper gerät in eine katabole Stoffwechsellage, das heißt, er aktiviert die Fettverbrennung und den Eiweißabbau. Zum Beispiel steigt der Energiebedarf um ca. 13 Prozent pro Grad Körpertemperaturerhöhung.

Für Menschen, die sich in einem gutem Allgemeinzustand befinden und sich gut mit Nährstoffen versorgen können, ist diese unvermeidbare moderate Katabolie kein Problem. Bei Personen mit Untergewicht bzw. Mangelernährung ist eine Virusinfektion eine größere Herausforderung, da die Infektabwehr geschwächt ist. Von Untergewicht spricht die Medizin bei einem Body-Mass-Index von unter 20 kg/m². Dies betrifft vor allem ältere Menschen, schwer Erkrankte, jüngere Menschen mit Essstörungen oder auch fehlernährte Personen, zum Beispiel durch zahlreiche Unverträglichkeiten und Allergien verursacht. Letztere ernähren sich oft einseitig und die optimale Nährstoffzufuhr ist gefährdet.

Daher sollte hier immer sehr genau hingesehen werden, ob die Unverträglichkeit tatsächlich so stark ausgeprägt ist wie gedacht. Eine Ernährungsberatung ist bei Menschen mit Untergewicht genauso sinnvoll wie bei Übergewicht. Da unser modernes Körperbild von sehr dünnen Menschen geprägt ist, wird die Mangelernährung gern unterschätzt. Eine Mangelernährung begünstigt grundsätzlich schwerere Krankheitsverläufe und erhöht die Sterblichkeit. Umgekehrt wissen wir, dass eine ausgewogene und bedarfsgerechte Ernährung mit einer niedrigeren Sterberate einhergeht.

Übergewicht und Corona

Auch eine überkalorische Ernährung, die zu Übergewicht und Adipositas führt, stellt bei COVID-19 ein Problem dar. Ungefähr zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig, jede/r Vierte ist adipös oder fettleibig.

Bei einer Energiezufuhr über dem Bedarf versucht der Körper die überschüssige Energie in Form von Triglyzeriden im Fettgewebe zu speichern. Die dortige Speicherkapazität ist aber begrenzt, sodass häufig auch eine Speicherung in Leber oder Muskulatur stattfindet.

Dieser Prozess kann eine dauerhafte leichte Entzündung des Körpers verursachen. In Studien bei Patienten mit COVID-19 wurde beobachtet, dass Menschen mit Adipositas schwerer daran erkranken.

Eine Studie aus New York ergab kürzlich, dass Adipositas vor allem bei Patienten unter 60 Jahren ein zweifach erhöhtes Risiko mit sich bringt, mit einer schweren SARS-CoV-2 Infektion in einer Klinik beziehungsweise auf einer Intensivstation aufgenommen zu werden. Bei einem BMI von über 35 kg/m² und unter 60 Jahren lag das Risiko sogar 3,6-mal so hoch. Viele andere Studien aus China, Englang und Deutschland deuten ebenfalls auf schwerere Krankheitsverläufe bei Adipositas hin.

Gesund abnehmen und zunehmen in Pandemiezeiten

Abnehmen

Wer jetzt in Coronazeiten versucht, sein Übergewicht zu senken, sollte auf „Crash-Diäten“ besser ganz verzichten und einige Punkte achten. Bei jeder energiereduzierten Kost ist eine ausgewogene Zusammensetzung der Ernährung besonders wichtig, um alle wichtigen Nährstoffe zu bekommen. Mehrmals täglich frisches Gemüse und Obst kombiniert mit fettarmen Milchprodukten, wenig magerem Fleisch und Fisch stehen im Vordergrund. Hülsenfrüchte enthalten reichlich Eiweiß und wertvolle Ballaststoffe. Auch spezielle Diäten, wie etwa die ketogene Diät mit Verzicht auf Kohlenhydraten erscheinen eher ungeeignet und sollten nicht angewendet werden.

Zunehmen

Hier steht die gesamte Bandbreite der Lebensmittel zur Verfügung. Auch fettreiche Milchprodukte sind erlaubt. Mit Nüssen oder Nussmus lassen sich Suppen und Joghurts sehr gut mit mehr Energie versehen. Für die Speisenzubereitung darf reichlich Pflanzenöl wie Rapsöl eingesetzt werden. Für die Eiweißversorgung sind Quark, Hüttenkäse, Fisch und Fleisch sowie Tofu geeignet. Gerade bei unterernährten älteren Menschen kann das Unterrühren von Eiweißpulver sinnvoll sein. Trinknahrungen können ebenfalls bei der Gewichtzunahme unterstützen.

Ernährung für ein fittes Immunsystem

Eine Ernährungsweise mit viel Gemüse, pflanzlichen Fetten und Ölen sowie eine bedarfsgerechte Eiweißversorgung nach den Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist empfehlenswert. Ebenso geeignet ist die Mittelmeerkost und eine vegetarische Ernährung. Bei der rein veganen Ernährung ist auf Vitamin B12 und die Eiweißversorgung zu achten. Hülsenfrüchte oder Sojaprodukte sollten hier täglich auf dem Speiseplan stehen. Eine bedarfsgerechte Ernährung kann zwar Infektionen nicht verhindern, aber sie bringt den Körper in eine gute Verteidigungsposition.

Foto: Dana Tentis

Leitfaden zur Umsetzung einer gesunden Ernährung in Corona-Zeiten

  • Reichlich Getreideprodukte, möglichst als Vollkornvarianten sowie Hülsenfrüchte

    Sie liefern einerseits Energie, anderseits fördern die darin enthaltenen Ballaststoffe die Verdauung und tragen zu einem gesunden Darm bei. Die Erforschung der Darmmikrobiota steht erst am Anfang. Sie steht unter anderem im engen Zusammenhang mit dem Immunsystem.

  • Kartoffeln in fettarmer Zubereitung

    Salzkartoffeln, Pellkartoffeln, Ofenkartoffeln, Kartoffelbrei mit fettarmer Milch zubereitet: Kartoffeln haben weniger Energie im Vergleich zu Nudeln oder Reis und liefern Vitamin C.

  • Saisonales Gemüse und Obst, am besten mehrfach am Tag

    Diese enthalten Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Sie liefern die notwendigen Baustoffe, damit die Körperreaktionen zur Immunabwehr funktionieren. Dadurch wirken sie tendenziell antientzündlich.

  • Milch- und Milchprodukte, täglich, eventuell laktosefreie Varianten verwenden

    Fettarme Milchprodukte liefern wertvolles Eiweiß. Das ist der Baustoff für Zellen, Hormone, Enzyme und die Immunabwehr.

  • Fisch, ein bis zweimal die Woche

    Insbesondere fettreiche Seefische tragen zur Versorgung mit Omega-3 Fettsäuren bei. Ihnen wird ebenfalls eine antientzündliche Wirkung zugeschrieben.

  • Wenig tierische Fette, wenig Kokosöl und Palmfett

    Gesättigte Fette enthalten viel Energie und tragen sonst wenig zur Gesunderhaltung des Körpers bei.

  • Zucker und Salz in Maßen

    Zucker bringt schnelle Energie, hat aber keine weiteren Inhaltstoffe. Zudem steht er in Verdacht, Entzündungsprozesse zu fördern.

  • Reichlich Wasser, Tee und kalorienfreie Getränke trinken

    Eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme ist für die Körperfunktionen wichtig.

  • Alkohol eher meiden

    Er liefert Energie, verzögert aber in der Leber durch den Abbau den Umbau von Nährstoffen (Alkohol wird immer vorrangig abgebaut) bis hin zur schädlichen Wirkung auf viele Körperorgane bei höherem Konsum.

  • Hochverarbeitete Lebensmittel vermeiden

    Sie enthalten meist viele Zutaten, deren Wirkung auf den Körper wir im Einzelnen nicht kennen und unnötig sind. In der Regel ist ein Teil davon für die technische Verarbeitung und Konsistenz des Nahrungsmittels erforderlich. Zum Beispiel enthalten Kekse oft gehärtete Fette, die sich negativ auf unseren Stoffwechsel auswirken können.

Auch bei Virus-Erkrankung den Körper gut versorgen

Grundsätzlich sollte der Körper weiterhin mit allen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen gut versorgt werden. Soweit möglich kann die Ernährung wie im Infokasten beschrieben fortgesetzt werden. Je nach Schwere der Erkrankung ist der Energie- und Eiweißbedarf erhöht, insbesondere bei Fieber und schwerer Lungenentzündung. Cremige Gemüsesuppen, Joghurts, Puddings, Kartoffelbrei, also Speisen die einfach und ohne Kraftaufwand essbar sind, können in diesem Fall gereicht werden. Wenn damit keine ausreichende Versorgung möglich ist, muss zusätzlich eine künstliche Ernährung erfolgen.

Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln

Derzeit wird vielfach für eine Supplementierung mit verschiedensten Nahrungsergänzungsmitteln geworben. Dazu gehören einerseits „Immunstimulanzien“ und andererseits die üblichen entzündungshemmenden Mikronährstoffe und Antioxidanzien. Für Mikronährstoffe wie z. B. Selen oder Vitamin D gibt es viele Befunde, die auf eine Bedeutung im Immunsystem hinweisen. Allerdings stammen die Untersuchungsergebnisse überwiegend aus Zellkultur- oder tierexperimentellen Studien. Das Gleiche gilt für bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole und Karotinoide, die die Abwehrkräfte stärken sollen. Nach wie vor fehlen gute Studien am Menschen, sodass der Nutzen einer Supplementierung mit solchen Nahrungsergänzungsmitteln für Menschen mit einer Virusinfektion sehr fraglich und von einer unkritischen Einnahme eher abzuraten ist.

Bisher ist unklar, ob und in welchem Umfang ein Mehrbedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, den sogenannten Mikronährstoffen, besteht. Die aktuellen Empfehlungen für die Zufuhr von Mikronährstoffen beim gesunden Menschen beinhalten Sicherheitszuschläge, sodass selbst bei einem erhöhten Bedarf keineswegs zwangsläufig ein Mangel droht und eine Ergänzung erfolgen sollte. Eine ausgewogene Ernährung, die dem Körper die benötigten Mikronährstoffe in ausreichender Menge zur Verfügung stellt, ist meistens ausreichend. Nur in Ausnahmefällen, wie bei Menschen in einem schlechten Ernährungszustand, können Nahrungsergänzungen sinnvoll sein. Auch bei Menschen, die wenig Zeit im Freien verbringen, dazu gehören unter anderem ältere Menschen, kann die Einnahme von Vitamin D sinnvoll sein. Die Einnahme sollte immer gezielt erfolgen und ärztlich kontrolliert werden.

FAZIT: Eine bedarfsgerechte Ernährung fürs Immunsystem mit viel Gemüse, Vollkornprodukten, fettarmen Lebensmittel und pflanzlichen Ölen ist die beste Empfehlung, um sich fit zu halten und sich so gegen COVID 19 zu wappnen. Auch bei nachgewiesener Infektion empfiehlt sich eine solche ausgewogene Ernährung nach den Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (siehe Infokasten). Der Nutzen von Nahrungsergänzungsmittel ist nicht ausreichend belegt. Starkes Übergewicht (Adipositas) ist ein bedeutsamer Risikofaktor für einen schweren Verlauf mit Beatmungspflicht und für eine ungünstige Prognose. Gewichtsabnahmen sollten immer moderat und mit einer gesundheitsfördernden Ernährung erfolgen. Crashdiäten sind nicht sinnvoll. Auf der anderen Seite sind auch Untergewicht und Mangelernährung ungünstig. In diesem Fall ist eine Gewichtszunahme, die die Abwehrkräfte wieder stärken kann das Ziel.
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