Pro und Contra: Nahrungserg├Ąnzungsmittel

Ist die Einnahme sinnvoll?

Macht es Sinn, regelm├Ą├čig Nahrungserg├Ąnzungsmittel zu sich zu nehmen? Das sagen zwei Experten dazu
Text: Dr. Georg Abel / Angela Clausen | Fotos: pixabay

Ob allein eine ausgewogene Erna╠łhrung ausreicht, um unseren Ko╠łrper mit allen wichtigen Na╠łhrsto en zu versorgen, oder ob wir mit Pillen, Pulvern und Dragees etwaige Ma╠łngel ausgleichen mu╠łssen, ist heftig umstritten. Wir haben zwei Experten befragt

Pro: Dr. Georg Abel

Foto: privat

 

 

Dr. Georg Abel ist Erna╠łhrungswissenschaftler. Er war Professor an der Deutschen Hochschule fu╠łr Pra╠łvention und Gesundheitsmanagement, Saarbru╠łcken, und ist heute als Dozent freiberuflich und an der Deutschen Klinik fu╠łr Pra╠łvention in Bad Mu╠łnder ta╠łtig. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen im Bereich Sport und Erna╠łhrung. Dabei verbindet er neueste wissenschaftliche Erkenntnisse mit alltagstauglichen, individuell zugeschnittenen Empfehlungen.

NEM sind beliebt

Obwohl Nahrungserga╠łnzungsmittel (NEM) ha╠łufig in der Kritik stehen und ihr Einsatz auch durchaus fragwu╠łrdig erscheinen kann, werden sie von vielen Menschen genutzt. Der Umsatz an Nahrungserga╠łnzungsmitteln aus Apotheken ist in den letzten fu╠łnf Jahren in Deutschland um ca. sechs Prozent gestiegen und wies 2019 einen Wert von 2,2 Mrd. Euro auf. Im ersten Halbjahr 2020 und im Kontext der COVID-19-Krise stieg die Rate sogar auf acht Prozent. Rund 50 Prozent der Amerikaner und etwa 28 Prozent der Deutschen verzehren regelma╠ł├čig Nahrungserga╠łnzungsmittel. Sie sind allerdings keinesfalls ein Ersatz fu╠łr eine ausgewogene Erna╠łhrung.

Besondere Lebenssituationen fordern NEM

Ziel ist es vielmehr, einer Na╠łhrstoffunterversorgung entgegenzuwirken oder Na╠łhrstoffdefizite auszugleichen. Die Gru╠łnde hierfu╠łr ko╠łnnen vielfa╠łltig sein. Genetische Faktoren (z.B. Resorptions-, Transport-, Enzymdefekte) und herausfordernde Lebensphasen (Kinder- und Jugendzeit, Schwangerschaft, Stillzeit, Alter) spielen ebenso eine Rolle wie besondere Erna╠łhrungsweisen (etwa vegan oder vegetarisch), eine einseitige Erna╠łhrung (mit z. B. geringer Zufuhr an Obst, Gemu╠łse und Fisch) sowie Dia╠łten und Fastenkuren, die eine Fehl- oder Mangelerna╠łhrung zur Folge haben. Auch der u╠łberma╠ł├čige Genuss von Nikotin, Alkohol und Koffein sowie eine hohe ko╠łrperliche Aktivita╠łt, beruflicher und emotionaler Stress oder auch Krankheiten (z. B. Resorptionssto╠łrungen, Operationen oder Erkrankungen des Verdauungstraktes) ko╠łnnen Na╠łhrstoffma╠łngel verursachen. So ist es etwa fu╠łr Schwangere essenziell, Folsa╠łure zu supplementieren, um Neuralrohrdefekte des Fo╠łtus zu vermeiden. Das Risiko fu╠łr ein vermindertes Geburtsgewicht und Fehlbildungen kann durch die Gabe eines Multivitaminpra╠łparats mit Folsa╠łure und Eisen verringert werden. Auch die empfohlene Zufuhrmenge an Jod und Vitamin D kann in unseren Breitengraden nur unzureichend u╠łber die Erna╠łhrung gedeckt werden. Insbesondere Senioren ko╠łnnen aufgrund einer verringerten Hautsynthese von einer Vitamin-D- Gabe proftieren und ihr Osteoporose-Risiko vermindern

Kritische N├Ąhrstoffe decken

Bei veganer Erna╠łrrungsweise ist es unerla╠łsslich, Vitamin B12 zu supplementieren. Weitere kritische Na╠łhrstoffe sind hier die Omega-3-Fettsa╠łuren, Zink, Calcium und auch Eisen. Auch Sportler ko╠łnnen durch Nahrungserga╠łnzungsmittel wie z. B. Protein- und Kohlenhydratpra╠łparate ihre Leistungsfa╠łhigkeit im Wettkampf und ihre Regeneration fo╠łrdern. Durch Zufuhr von Omega-3-Fettsa╠łuren la╠łsst sich au├čerdem entzu╠łndlichen Prozessen nach intensiven sportlichen Belastungen sowie bei Arthrose und Rheuma entgegenwirken. Zudem beeinflussen Lebensmitteleigenschaften wie etwa Na╠łhrstoffdichte und -qualita╠łt, Erntezeitpunkt sowie Lagerung und Transport die Verfu╠łgbarkeit von Na╠łhrstoffen. So hat Spinat nach drei Tagen 70 Prozent des Folats verloren. Die Bestrahlung von Lebensmitteln mit dem Ziel einer la╠łngeren Haltbarkeit mindert den Gehalt an den Vitaminen A, B1, E und C. Und die Phytinsa╠łure in Hu╠łlsenfru╠łchten und Getreide bildet Komplexe mit Calcium, Magnesium Eisen und Zink und vermindert dadurch deren Verfu╠łgbarkeit. Die Erna╠łhrungserhebungen ÔÇ×NVSIIÔÇť und ÔÇ×NHANESÔÇť zeigen, dass der Gro├čteil der deutschen wie auch der amerikanischen Gesellschaft nicht die ta╠łglich empfohlenen Zufuhrmengen an Obst und Gemu╠łse erreichen. Zu den kritischen Na╠łhrstoffen za╠łhlen laut dieser beiden Erna╠łhrungserhebungen Vitamin A, Vitamin C, Zink und Selen, Folsa╠łure, Vitamin D, Vitamin E, Calcium, Magnesium, Kalium, Eisen sowie Ballaststoffe.

Die Tendenz zur Au├čer-Haus- und ÔÇ×To- goÔÇť-Verpflegung ist eine Herausforderung, die eine ada╠łquate Na╠łhrstoffzufuhr erschwert. Ha╠łufig mangelt es heute auch am Bewusstsein fu╠łr eine vollwertige Mahlzeit. Dennoch ko╠łnnen Nahrungserga╠łnzungsmittel nicht grundsa╠łtzlich fu╠łr jeden empfohlen werden, schon gar nicht bei bedarfsgerechter Erna╠łhrung. Unter professioneller Betreuung und Abkla╠łrung durch A╠łrzte und Erna╠łhrungsberater kann eine Zufuhr essentieller Na╠łhrstoffe insbesondere bei Risikogruppen aber eher ein Nutzen als ein Risiko sein.

Contra: Angela Clausen

Foto: Verbraucherzentrale NRW

 

Angela Clausen ist Erna╠łhrungswissenschaftlerin und leitet den Arbeitsbereich ÔÇ×Lebensmittel im GesundheitsmarktÔÇť der Verbraucherzentrale NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Nahrungserga╠łnzungsmittel, Health Claims sowie das Portal ÔÇ×klartext-nahrungsergaenzung.deÔÇť. Sie ist au├čerdem Mitglied der bundesweiten Netzwerkgruppe ÔÇ×Lebensmittelqualita╠łt und SicherheitÔÇť sowie der AG ÔÇ×Lebensmittel im GesundheitsmarktÔÇť der Verbraucherzentralen.

Vorsicht bei Werbung zu NEM

Vitamine gelten bis heute in gro├čen Teilen der Bevo╠łlkerung als universelle, vor allem aber natu╠łrliche Heilmittel. Das zeigte sich ganz explizit gleich zu Beginn der Verbreitung des Corona-Virus, als plo╠łtzlich an allen Ecken und Enden Nahrungserga╠łnzungsmittel angeboten wurden, die vor dem neuen Virus schu╠łtzen sollten. In vielen Fa╠łllen gingen die Werbeaussagen weit u╠łber das hinaus, was zu diesem Zeitpunkt tatsa╠łchlich nachgewiesen war (na╠łmlich gar nichts), in anderen Fa╠łllen wurde kra╠łftig u╠łber das Ziel hinausgeschossen. Aus der erlaubten gesundheitsbezogenen Aussage ÔÇ×Vitamin D tra╠łgt zu einer normalen Funktion des Immunsystems beiÔÇť (sofern pro Tagesdosis mindestens 0,75 ╬╝g enthalten sind) wurde geschlussfolgert, dass viel auch viel hilft. Zum ÔÇ×Schutz vor CoronaÔÇť wurden 125 ╬╝g pro Tag und mehr empfohlen, unterstu╠łtzt durch YouTube-Videos irgendwelcher Eminenzen.

Ausgewogene Ern├Ąhrung reicht aus

Generell ist festzuhalten, dass wir durch die Vielfalt und Qualita╠łt unserer Lebensmittel durchaus in der Lage sind, uns sehr gut mit allen Na╠łhrstoffen zu versorgen. Immer wieder geho╠łrte Argumente, dass unsere Bo╠łden arm an Na╠łhrstoffen wa╠łren, sind schon 2004 durch den Erna╠łhrungsbericht der Deutschen Gesellschaft fu╠łr Erna╠łhrung (DGE) widerlegt worden. Demnach schwankte der Mineralstoffgehalt in pflanzlichen Lebensmitteln im Verlaufe der letzten 50 Jahre kaum. Besonders entlarvend wird es, wenn von einem Vitaminmangel der A╠łcker berichtet wird. Vitamine werden von Pflanzen produziert, aber nicht von diesen aus der Erde aufgenommen. Und wir sollten uns in erster Linie mit qualitativ guten Lebensmitteln erna╠łhren. Denn die Vielfalt dessen, was in ausgereiftem Gemu╠łse, Obst und Getreide an Substanzen enthalten ist, la╠łsst sich mit Supplementen gar nicht abbilden. Selbst Extrakte oder Pulver aus einer Vielzahl von Gemu╠łsen und Kra╠łutern enthalten immer nur eine Auswahl dessen, was diese Pflanzen tatsa╠łchlich alles liefern ko╠łnnten.

Zu viel noch unerforscht

Aber natu╠łrlich ist der Einzelne damit auch in der Pflicht, bunt, vielfa╠łltig und ausgewogen zu essen. Selbst dann kann die ausreichende Versorgung ein Problem darstellen, z. B. wenn zu wenig gegessen wird, was bei Dia╠łthaltenden, Hochbetagten, chronisch Kranken und Veganern vorkommen kann. Oder wenn mehr beno╠łtigt wird, wie das beispielsweise in Schwangerschaft und Stillzeit der Fall ist, aber auch bei Magen-Darm-Erkrankungen und dem regelma╠ł├čigen Gebrauch von Arzneimitteln. Klar, es kommt auch bei der gesunden Normalbevo╠łlkerung zu Defiziten (die noch lange keinen Mangel darstellen), wenn jemand einseitig isst oder Fertiggerichte und Fast Food bevorzugt. Nur, was soll alles supplementiert werden? Nur Vitamine? Was ist mit Ballaststoffen, sekunda╠łren Pflanzenstoffen, deren Bedarf man gar nicht kennt, den vielen Aromen, Duftstoffen, die hinsichtlich ihrer Bedeutung fu╠łr den Menschen noch gar nicht erforscht sind? Was ist mit Ultra-Spurenelementen, essenziell oder nicht? Vor allem Monoprodukte, die nur einen einzelnen Na╠łhrstoff oft hoch dosiert enthalten, ko╠łnnen die feinen Regelkreisla╠łufe im Stoffwechsel geho╠łrig durcheinander bringen. Dass einzelne Mikrona╠łhrstoffe vor den gro├čen Volkskrankheiten nicht schu╠łtzen, ja die Effekte sogar ins Gegenteil verkehrt werden ko╠łnnen, haben schon vor 25 Jahren die CARET- und die ATBC-Studie gezeigt. Also lieber Multipra╠łparate? Vom Gie├čkannenprinzip bin ich auch nicht begeistert, sehe das aber ÔÇô sofern maximal nach Empfehlung der DGE dosiert wird ÔÇô aus gesundheitlicher Sicht nicht ganz so kritisch. Nahrungserga╠łnzungsmittel ko╠łnnen nu╠łtzlich sein, wenn sie zur richtigen Zeit vom richtigen Menschen mit dem richtigen Na╠łhrstoff in der richtigen Menge genommen werden. Sattmachen oder schmecken tun sie in der Regel nicht. Einen Bedarf an gemahlenen Haifischflossen, Lavendelextrakt oder gar CBD sehe ich nicht.

Last but not least: Erkrankungen vorzubeugen, zu lindern oder gar zu heilen, ist per (gesetzlicher) Definition nicht die Aufgabe von Nahrungserga╠łnzungsmitteln. Das ist Aufgabe von Arzneimitteln ÔÇô und diese werden hinsichtlich Zusammensetzung, Wirksamkeit und Sicherheit auch beho╠łrdlich gepru╠łft, Lebensmittel dagegen nicht.

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