Pro und Contra: Rohkost

Rohkost-Ern├Ąhrung

Ist eine Rohkost-Ern├Ąhrung gesund und empfehlenswert?
Text: Dr. med. Ingfried Hobert / Christian K├Âder M. Sc. | Fotos: privat

Der Verzehr von Obst und Gemu╠łse bringt unbestritten gesundheitliche Vorteile. Sollten wir uns aber u╠łberwiegend rohkostbasiert erna╠łhren? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen

Pro: Dr. med. Ingfried Hobert

Foto: privat

 

 

Dr. med. Hobert ist Arzt fu╠łr Ganzheitsmedizin und Ethnomedizin. Er gilt als Spezialist fu╠łr Heilwissen aus anderen Kulturen und ist ein Verfechter der Rohkosterna╠łhrung. Sein Wissen rund um Gesundheit und Heilung wendet er seit 34 Jahren erfolgreich in seiner Praxis am Steinhuder Meer an. Er ist au├čerdem Autor von Gesundheitsratgebern und Fachbu╠łchern aus dem Bereich Ethnomedizin (www.drhobert.de).

W├Ąhrend meines Medizinstudiums habe ich in 25 La╠łndern der Welt die Behandlungsmethoden von Natura╠łrzten und Medizinma╠łnnern erforscht und ziehe dieses Fazit: Eine rohkostbasierte Erna╠łhrung beugt zahlreichen Krankheiten vor. Denn dadurch lassen sich im Ko╠łrper die chronischen stillen Entzu╠łndungen (engl. silent inflammations) beka╠łmpfen, die a╠łu├čerlich kaum wahrnehmbar sind. Sie sind die Hauptursache fu╠łr die Entstehung langwieriger, chronisch degenerativer Erkrankungen, die vorzeitig zum Tod fu╠łhren.

Rund 70 Prozent aller Todesfa╠łlle geht auf solche unterschwelligen Entzu╠łndungsprozesse zuru╠łck, denn sie verursachen unsere Zivilisationskrankheiten, darunter das Metabolische Syndrom, Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2, Arteriosklerose, Adipositas, die nicht-alkoholische Fettleber, Allergien und Autoimmunerkrankungen, Krebs, Demenz und Alzheimer.

Entz├╝ndungsaltern

Heutzutage sterben die Menschen durch dieses ÔÇ×Entzu╠łndungsalternÔÇť im Schnitt acht bis neun Jahre fru╠łher. Das heimtu╠łckische an den stillen Entzu╠łndungen ist, dass sie sich nicht durch Entzu╠łndungszeichen wie Ro╠łtung, Schwellung oder U╠łberwa╠łrmung zeigen. Vielmehr sind die Symptome eher allgemeiner Natur, dafu╠łr aber viel lebenseinschra╠łnkender. Dazu za╠łhlen Erscho╠łpfung, Schwa╠łche, Mu╠łdigkeit, Ruhelosigkeit und Anspannung, Infektanfa╠łlligkeit, Allergien, chronische Schmerzen, Verdauungssto╠łrungen und Nahrungsmittelunvertra╠łglichkeiten, depressive Verstimmungen und Schlafsto╠łrungen.

Die Ursachen solcher Entzu╠łndungen liegen im Darm. Stress, Gifte aus Umwelt und Nahrungszusa╠łtzen sowie vor allem auch die falsche Erna╠łhrung sto╠łren unser Darmmikrobiom. Dann kann es zu einem Leaky Gut kommen, einem durchla╠łssigen Darm. Nur durch eine Entgiftung und Darmsanierung in Verbindung mit einer entzu╠łndungshemmenden Erna╠łhrung kann ein solches Leaky Gut ganz langsam wieder ausheilen. Darum ist die pflanzenbasierte Erna╠łhrung so wichtig. Polyphenole, Flavonoide und andere sekunda╠łre Pflanzenstoffe sind in der Lage, uns vor diesen Entzu╠łndungsprozessen zu schu╠łtzen. Acht Portionen (a╠Ç 80 Gramm) Gemu╠łse und Obst, auch als Rohkost, sind notwendig, um ein gesundes Darmmilieu zu gewa╠łhrleisten. Einige Sorten, zum Beispiel Brokkoli, Knoblauch, Zwiebeln, Paprika, Zucchini und Rote Bete, sind roh gesu╠łnder, weil wertvolle Inhaltsstoffe wie etwa die Vitamine C, B1 und B5, aber auch viele antioxidativ wirkende sekunda╠łre Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Anthocyane und Glucosinolate sehr hitzeemfpindlich sind.

Spa╠łtestens wenn es zu Sto╠łrungen im Verdauungstrakt kommt, sollte man sich zumindest vorerst pflanzenbasiert und rohkostreich erna╠łhren. Um ein Leaky Gut auszuheilen, ist au├čerdem eine ausreichende Zufuhr von Probiotika (Bakterienpra╠łparate mit Laktobacillen, Bifidobakterien, Escherischia, Enterococcus) und Pra╠łbiotika (ballaststoffreiche Lebensmittel) notwendig.

Auch die Versorgung mit ta╠łglich 4.000 IE Vitamin D und ta╠łglich 2.000 Milligramm der ÔÇ×gutenÔÇť Omega-3-Fettsa╠łuren EPA und DHA (aus Algenpra╠łparaten, insbesondere der Alge Schizophytum) ist wichtig. Da Nahrung auch immer Medizin ist, spielt die antientzu╠łndlich wirkende Erna╠łhrung mit viel rohem Obst und Gemu╠łse die entscheidende Rolle in der Vorbeugung und Behandlung des Entzu╠łndungsalterns. Es sollte viel rotes und gru╠łnes Gemu╠łse auf dem Speiseplan stehen, das reich an Polyphenolen, Flavonoiden und Antioxidantien ist: Spinat, Rosenkohl, Blumenkohl, Brokkoli, Paprika, Oliven, gru╠łne Bohnen, Gru╠łnkohl, Zwiebelgewa╠łchse, Knoblauch, Mangold, Lauch und Fenchel. Ebenso Gewu╠łrze wie Ingwer, Kurkuma, Nelken, Rosmarin, Thymian, Pfeffer, Chili, Oregano, Petersilie und Brennnessel. (Entzu╠łndungshemmend wirken auch Kaltwasserfische aus Wildfang, etwa Hering). Sta╠łrker als Nahrungsmittel ko╠łnnen hochdosierte Extrakte von Heilpflanzen aus den unterschiedlichen Regionen der Erde die Entzu╠łndungen einda╠łmmen, zum Beispiel Algen, Beeren, enzymreiches Obst wie Papaya und Ananas, bestimmte Wurzeln, Rinden und Pilze.

Wer viel Obst und Gemu╠łse isst, reduziert automatisch die Aufnahme entzu╠łndungsfo╠łrdernder Lebensmittel. Dazu geho╠łren Fleisch und Wurst, Milchprodukte, raffnierte Zucker und Fructose, Alkohol, Fertigprodukte und Su╠ł├čigkeiten sowie (glutenhaltiges) Getreide. Auch Transfette (in Frittiertem, Geba╠łck, Saucen, Mu╠łsliriegeln) und industrielle Speiseo╠łle (Sonnenblumen-, Weizenkeim-, Distel-, Palmo╠łl und Margarine) sind zu meiden.

Contra: Christian K├Âder M. Sc.

Foto: privat

Christian Ko╠łder ist Erna╠łhrungswissenschaftler und Autor mehrerer Bu╠łcher zum Thema Veganismus und vegane Erna╠łhrung. Er ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Mu╠łnster, forscht u╠łber Lebensstilmedizin, pflanzenbasierte Erna╠łhrung und kardiovaskula╠łres Risiko und unterrichtet das Modul ÔÇ×Vegane Erna╠łhrungÔÇť. Er ist gut mit international verbreiteten Rohkostkonzepten vertraut.

Das st├Ąrkste Argument gegen eine komplette Rohkosterna╠łhrung ist das Fehlen von u╠łberzeugenden Argumenten fu╠łr eine solche. Zuna╠łchst mu╠łssen wir festhalten, dass es viele verschiedene Arten dieser Erna╠łhrungsweise gibt: ausschlie├čliche oder hauptsa╠łchliche Rohkosterna╠łhrung und des Weiteren vegane, ovo-lacto-vegetarische, nicht- vegetarische sowie Obst- oder Sprossenbasierte Rohkosterna╠łhrung. Ebenso gibt es Rohkostformen mit oder ohne Hu╠łlsenfru╠łchte, Getreide, Nu╠łsse, O╠łle, Sa╠łfte, Gewu╠łrze etc. Im Folgenden soll es nur um vegane Rohkosterna╠łhrungsweisen gehen.
Heute noch weit verbreitete Ideen, die reine Rohkosterna╠łhrung sei die ÔÇ×natu╠łrlichsteÔÇť und deshalb gesu╠łndeste Erna╠łhrungsweise und Getreide und Hu╠łlsenfru╠łchte wa╠łren ohnehin suboptimale Lebensmittel, kamen schon vor weit u╠łber 100 Jahren auf. Wenn man diesen (unbewiesenen) Hypothesen folgt und sich ausschlie├člich von Obst, Gemu╠łse, Nu╠łssen und Samenkernen erna╠łhrt, ist es wahrscheinlich, dass es zu einer suboptimalen bis unzureichenden Zufuhr bestimmter Na╠łhrstoffe kommt ÔÇô was aber durch gute Planung vermieden werden kann: Zu achten ist auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B12, Kalorien, Protein, Calcium, Vitamin D, Jod, Eisen, Zink, Selen und Omega-3-Fettsa╠łuren.

Aufnahme roh nicht immer besser

Problematisch ist es, wenn Getreide und Hu╠łlsenfru╠łchte aus der Erna╠łhrung ausgeschlossen oder nur in moderaten Mengen verzehrt werden. Gekeimte Hu╠łlsenfru╠łchte und Getreide sind eine Rohkost-Option ÔÇô aber eventuell in gro├čen Mengen weniger beko╠łmmlich. Bestimmte Lebensmittel sind im Allgemeinen in roher Form empfehlenswerter ÔÇô insbesondere Obst und kaltgepresste O╠łle, weil gesundheitsfo╠łrderliche Substanzen so besser erhalten bleiben und bestimmte scha╠łdliche Stoffe nicht entstehen. Einige Na╠łhrstoffe werden aus gekochten Lebensmitteln besser absorbiert, z. B. Lycopen (aus Tomaten) und Betacarotin (Provitamin A). Kochen sowie die Brotherstellung mit Hefe oder Sauerteig verbessern die Absorption von Mineralien wie Eisen und Zink aus Getreide. Nicht roh verzehrt werden sollten u. a. Kidneybohnen und kleine rote Bohnen, Maniok (Cassava), Bambussprossen und (idealerweise) Pilze. Ein hoher Verzehr von sa╠łuerlichem Obst kann den Zahnschmelz angreifen ÔÇô daher ist eine fluoridhaltige Zahncreme empfehlenswert.

Schon die Vorfahren kochten Nahrung

In der Rohkostliteratur vielfach beschriebene ÔÇ×EntgiftungsphasenÔÇť (detox) spiegeln in Wirklichkeit oft Na╠łhrstoffma╠łngel wider. Typische Symptome starken Untergewichts sind z. B. eine reduzierte Muskelmasse, Muskelkraft und Knochendichte, das Ausbleiben der Menstruation, eine hohe Ka╠łlteempfindlichkeit und ein geschwa╠łchtes Immunsystem. Fu╠łr Sportler, die sehr hohe Kalorienmengen zufu╠łhren, ist es wahrscheinlich einfacher, mit Rohkosterna╠łhrung ausreichende Mengen von Mikrona╠łhrstoffen (aus nicht angereicherten Lebensmitteln) zuzufu╠łhren. Dies gilt allerdings nicht fu╠łr Vitamin B12, das supplementiert werden sollte. Bei nicht ausreichender Sonnenbestrahlung sollte auch Vitamin D eingenommen werden. Besonders beachtenswert ist, dass Rohkosterna╠łhrung fu╠łr Babys und Kleinkinder ungeeignet ist, da deren Magenvolumen klein ist, was eine ausreichende Na╠łhrstoffzufuhr erschwert. Es gibt Einzelfa╠łlle von Babys oder Kleinkindern, die infolge bestimmter Rohkosterna╠łhrungsformen starben. Die Lektion daraus: Eine Mischung aus Naturglauben, Rohkosterna╠łhrung und einer vo╠łlligen Ablehnung von Supplementen und moderner Medizin kann ein to╠łdliches Rezept sein.

Schon bevor es den Homo sapiens gab, verwendeten unsere Vorfahren Feuer und kochten ihre Nahrung. Nichts deutet darauf hin, dass sich unsere Spezies im Laufe der Evolution an eine ganz bestimmte Erna╠łhrungsform angepasst ha╠łtte ÔÇô und dass diese Erna╠łhrungsweise somit die gesu╠łndeste wa╠łre. Im Gegensatz zu wilden Spekulationen u╠łber die Evolutionsgeschichte liefert die heutige Erna╠łhrungsepidemiologie eine starke wissenschaftliche Evidenz dafu╠łr, dass ein pflanzenbasiertes Erna╠łhrungsmuster, basierend auf Obst, Gemu╠łse, Hu╠łlsenfru╠łchten, Vollkorngetreide, Nu╠łssen und gesunden O╠łlen die Gesundheit fo╠łrdert. Au├čer bei Allergien gibt es keinen Grund, auf Vollkorngetreide und Hu╠łlsenfru╠łchte in gekochter Form zu verzichten.

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