Nachhaltig einkaufen

Deutschland ist und bleibt Müll-Europameister – aber das muss sich unserer Umwelt zuliebe ändern! Die Zero-Waste-Bewegung, Unverpackt-Läden und nachhaltigere Verpackungen leisten ihren Beitrag
Text: Simonetta Zieger | Fotos: Markus Spiske / unsplash

Knapp sechs Millionen Kilogramm Verpackungsmüll – so viel haben 2019 deutsche Privathaushalte laut Statistischem Bundesamt verursacht. Das sind noch mal 300.000 Kilogramm mehr als im Jahr zuvor. Höchste Zeit also, die Müllberge und die damit verbundene Belastung der Natur hierzulande zu reduzieren. Sprich: Verpackungen weitgehend zu vermeiden oder zumindest auf ihre Nachhaltigkeit Wert zu legen.

Doch was heißt nachhaltig? Ein entscheidender Faktor ist zum Beispiel, aus welchen Rohstoffen die Verpackungen hergestellt werden. Herkömmliche Plastikfolien, -tüten und -behälter enthalten unter anderem Erdöl. Dass dieser Rohstoff nicht nachwächst, ist bekannt – im Gegensatz zu Bäumen, dem Rohstoff für Papier und Karton. Die kann man nachpflanzen. Der große Vorteil von Papier und Karton gegenüber Plastik ist aber nicht nur die Erneuerbarkeit, sondern auch die Recyclingfähigkeit. Die ist nämlich ein weiteres Kriterium für nachhaltige Verpackungen. Rund 90 Prozent aller (Verpackungs-) Kartons enthalten Altpapier. Das heißt, sie bestehen aus bereits recyceltem Papier und können selbst auch wieder verwertet werden. Eine super Sache – vorausgesetzt die Kartonage landet wirklich im Altpapier und in keiner anderen Tonne.

Was viele Verbraucher aber nicht wissen: Tragetaschen aus Papier sind erst nachhaltiger als ihre Pendants aus Plastik, wenn sie drei- bis viermal wiederverwendet werden. Denn erst dann rechnen sich Energie- und Ressourcenverbrauch sowie die Umweltbelastung bei der Herstellung.

Glas nicht immer umweltfreundlicher

Recyclingfähig sind natürlich auch Verpackungen aus Glas. Allerdings ist dieses Material im Vergleich zu Plastik und Papier bzw. dünnem Karton deutlich schwerer und verbraucht daher mehr Kraftstoff beim Transport. Was den ökologischen Fußabdruck verschlechtert. Trotzdem spricht einiges für Glas: Einmal hergestellt können Gläser und Flaschen durchschnittlich 50-mal gereinigt und wieder befüllt werden, eine PET-Flasche dagegen nur maximal 25-mal.

Doch nicht alle Glas- und Plastikflaschen werden gespült und weiterverwendet. Als Faustregel gilt: Je niedriger das Pfand von Plastikflaschen, desto wahrscheinlicher handelt es sich um eine Mehrwegflasche. Einwegflaschen und -dosen bringen zum Beispiel 25 Cent, PET- Wasserflaschen sowie Bier- und Weinflaschen dagegen 15 bzw. 8 oder 3 Cent. Auf der sicheren Seite ist man in jedem Fall, wenn man beim Einkauf nur zu Flaschen mit dem Mehrweglabel greift.

Das große Ziel: Gar kein Müll

Noch nachhaltiger ist es natürlich, Verpackungsmüll ganz zu vermeiden – das ist das Ziel der Zero-Waste-Bewegung. Unter dem Hashtag #zerowaste finden sich allein auf Instagram fast acht Millionen Beiträge. Dazu gibt es noch eine Menge informativer Blogs mit steigenden Reichweiten.

Der Grund für die wachsende Beliebtheit liegt auf der Hand: Jeder kann mitmachen. Denn der Zero-Waste-Trend schließt keine Lebensbereiche oder -abschnitte aus. „Das Ziel ist es, einen Schritt weiter in Richtung Kreislaufwirtschaft zu gehen, in der alles, was produziert wird, auch für irgendeinen Zweck im System wiederverwendet werden kann und dadurch kein Müll mehr existiert“, schreibt Inga, die Gründerin von Zero Waste Deutschland (www.zero-waste- deutschland.de), auf ihrer Informationsplattform. Starre Regeln für ein solches Konsumverhalten gibt es nicht, sondern nur Verhaltensrichtlinien: die sogenannten fünf R. Die werden von Zero-Waste-Fans genau in dieser Reihenfolge befolgt:

Refuse (ablehnen)

Der erste Schritt zu Zero Waste beginnt damit, unnötigen Müll gar nicht erst anzunehmen und nach Hause zu schleppen. Also zum Beispiel Werbegeschenke, Einkaufstüten und Kassenzettel abzulehnen. Und auch aufwendig oder einzeln Verpacktes (wie Single-Portionen von Zucker, Butter oder Marmelade) möglichst liegen zu lassen, um die Nachfrage nach diesen Artikeln nicht weiter anzukurbeln.

Reduce (reduzieren)

Im zweiten Schritt gilt es, den Konsum zu reduzieren. Denn je weniger wir konsumieren, umso weniger muss produziert und später als Müll entsorgt werden. Beim Einkauf deshalb nicht einfach drauf losshoppen, sondern erst einmal darüber nachdenken, ob man das Lebensmittel, Küchengerät, Kleidungs- oder Möbelstück auch wirklich braucht. Dann müssen später auch nicht haufenweise Dinge wieder entsorgt werden.

„Reduce“ erstreckt sich aber auch auf Sachen, die wir bereits besitzen, jedoch nicht nutzen. Diese Kleidungsstücke, Lebensmittel und Gegenstände stellen nämlich Ressourcen dar, die zwar in unserem Haushalt keine Verwendung mehr haben, aber vielleicht in einem anderen. Zur Weiternutzung solche Dinge dann entweder auf dem Flohmarkt verkaufen, mit anderen teilen oder einfach verschenken.

Reuse (wiederverwenden)

Mehrweg statt Einweg ist bei „Reuse“, dem dritten R, die Devise. Beim Kauf von Flaschen daher auf das entsprechende Label achten. Doch nicht nur die Wiederwendbarkeit von Gegenständen hilft, den Müllberg klein zu halten, sondern auch die Reparaturfähigkeit, zum Beispiel von Geräten. Weil diese dann nicht sofort weggeworfen und neugekauft werden müssen, wenn sie kaputt gehen. Auch gut: Verpackungen mithilfe von Upcycling-Bastelideen, die inzwischen sogar einige Hersteller auf ihren Online-Seiten liefern, weiterzuverwenden. So lassen sich Joghurtbecher und Schraubgläser zum Beispiel zu Stiftebechern, Vasen oder zum Aufziehen von Kräutern umfunktionieren.

Recycle (recyclen)

Weil selbst beim Befolgen der ersten drei R immer noch etwas Müll anfällt, kommt es im vierten Schritt aufs sorgfältige Trennen und richtige Entsorgen an, damit der Abfall wieder recycelt werden kann. Was wie entsorgt werden muss, dafür gibt es auf vielen Verpackungen bereits Hinweise. Bei Konsumgütern wie alten Maschinen oder Baustoffen kann man auch auf dem Wertstoffhof nachfragen. Dass Recycling erst an vierter Stelle steht, ist übrigens kein Zufall. Denn auch, wenn wir den Müll in den Recyclingkreislauf zurückführen, wurden zuvor bei der Herstellung der Produkte Ressourcen und Energie benötigt. Deswegen gilt: refuse, reduce, reuce und dann erst recycle!

Rot (verrotten)

Beim fünften Schritt der Müllvermeidung geht es hauptsächlich um Küchenabfälle. Aus Kartoffelschalen, Apfelgehäusen und Kaffeesatz entstehen nämlich auf dem Kompost wertvoller Dünger und gute Pflanzenerde. Bevor Lebensmittel bzw. übrige Speisen in der grünen Tonne landen, sollte allerdings abgewägt werden, ob sie wirklich nicht (mehr) essbar sind oder nicht doch noch für ein Reste-Essen taugen.

Neues R: Rethink (überdenken)

Einige Zero-Wastler nehmen inzwischen sogar noch ein sechstes R in den Kriterienkatalog mit auf: rethink, also das Überdenken des bisherigen Lebensmittelkonsums. Warum zum Beispiel die Blätter von Kohlrabi, Radieschen und Rote Beten oder das Kraut von Karotten und Fenchel wegwerfen? All dieses Grün lässt sich nämlich wunderbar mitessen und gibt den Gerichten oft das gewisse Etwas, wie die wachsende Zahl an „Leaf to root“-Kochbüchern beweist. Obendrein sind die bisher missachteten Pflanzenteile meist sehr gesund, zum Teil gesünder als die Frucht selbst. Auch beim Fleischgenuss heißt die Devise zunehmend: from nose to tail, also von der Nase bis zum Schwanz. So bringen Christoph Hauser und Michael Köhle in ihrem Restaurant „Herz & Niere“ in Berlin nicht nur die edlen Teile der Tiere auf den Tisch. Sie finden: „Wer Fleisch isst, sollte vor Bries, Kutteln, Zunge und Keule nicht haltmachen.“ Das hat neben dem Zero-Waste-Gedanken auch noch den Vorteil, dass den Gästen mit den täglich wechselnden Überraschungsmenüs viele neue Geschmackserlebnisse serviert werden. Der Zero-Waste-Lebensstil ist daher nicht nur super für den Geldbeutel (Stichwort: weniger wegwerfen) und die Umwelt (Stichwort: Ressourcen schützen), sondern auch für unsere Gesundheit und Geschmacksknospen.

FAZIT: Die beste Wahl sind regionale Produkte in Mehrweggläsern und -flaschen. Kommen die Produkte von weiter her, schneidet die Mehrweg-Plastikflasche in der Ökobilanz besser ab als die aus Glas. Auch Papier hat gegenüber Plastik nur dann die Nase vorn, wenn es mehrmals verwendet und richtig recycelt wird. Umso wichtiger ist es also, beim nachhaltig einkaufen auf Mehrweg, recycelte Verpackungen und kurze Transportwege zu achten, Müll weitestgehend zu vermeiden und ihn richtig zu entsorgen.
Redaktion
Simonetta Zieger
Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftlerin (M.Sc.), Expertin für Nachhaltigkeit, Gesundheitsförderung und Rezepte
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