Wie Social Media das Essverhalten beeinflusst

Soziale Medien sind fu╠łr Food-Liebhaber Inspiration, Unterhaltung, Rezeptsammlung und vieles mehr. Das birgt Chancen und Risiken ÔÇô auch fu╠łr die Erna╠łhrungswissenschaften. Wir haben recherchiert, wie (Online-)Medien unser Essverhalten beeinflussen
Text: Simonetta Zieger | Fotos: readymade/pexels

├ťber 8.000 neue Posts mit dem Hashtag #Food kommen JEDE STUNDE auf Instagram dazu. Und es ist fu╠łr jeden etwas dabei: Fleischiges, Vegetarisches, Veganes, Glutenfreies, Gesundes, Su╠ł├čes, Pikantes, Internationales, Abgefahrenes und Einfaches. Posten kann jeder, der ein Smartphone und einen Instagram-Account hat. Was im Oktober 2010 mit 25.000 Nutzern begann, bekam schnellen Zuwachs. Mittlerweile za╠łhlt Instagram u╠łber 500 Millionen aktive User. Wer fru╠łher seine Oma nach Ku╠łchen-Hacks fragte, wird heute auf Instagram und zahlreichen anderen Plattformen fu╠łndig. Fu╠łr alles gibt es eine Community: Veganer tauschen sich in geschlossenen Foren u╠łber die optimale pflanzliche Proteinversorgung aus, wa╠łhrend Menschen mit Lebensmittelunvertra╠łglichkeiten und Allergien andere Betroffene im Internet finden ko╠łnnen. Mitreden kann jeder. Das hei├čt in Bezug auf die eigene Erna╠łhrung aber auch: Jeder kann jeden beeinflussen und selbst beeinflusst werden. Bevor wir aber daru╠łber sprechen, sollte klar sein, was zum Ess- oder auch Erna╠łhrungsverhalten alles dazugeho╠łrt.

Verhaltens├Ąnderung in drei Schritten

Alles, was mit dem Einkaufen, Kochen und Essen in Zusammenhang steht, geho╠łrt zum Erna╠łhrungsverhalten. Viel ha╠łufiger reden wir allerdings von Essverhalten und meinen dasselbe. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es eine Form des Gesundheitsverhaltens, das als (gesundheitswissenschaftliches) Modell beschrieben werden kann. Nach Prof. Dr. Toni Faltermeier, Psychologe an der Europa-Universita╠łt Flensburg, kommt es zu einer positiven Verhaltensa╠łnderung hinsichtlich der eigenen Gesundheit, wenn drei Schritte durchlaufen werden:

1. Risikowahrnehmung: Ich erkenne, dass meine Erna╠łhrungsweise (z.B. hoher Zuckerkonsum) gesundheitliche Risiken mit sich bringt.

2. Ergebniserwartung: Ich scha╠łtze ab, ob und welche Effekte eine Verhaltensa╠łnderung mit sich bringen wu╠łrde (z.B. Gewichtsabnahme, ho╠łhere Fitness).

3. Selbstwirksamkeitsu╠łberzeugung: Ich frage mich, ob ich eine Erna╠łhrung mit weniger Zucker langfristig in meinen Lebensstil integrieren kann.

Ern├Ąhrungswissen wird demokratisiert

Aber es geht auch anders herum. So zeigt eine Studie der Universita╠łt Liverpool aus dem Jahr 2019, dass Influencer mit ausgepra╠łgtem Snack-Verhalten ihre Follower ebenfalls vermehrt zu ungesunden Zwischenmahlzeiten verleiten. Dagegen blieb gesundes Essverhalten von Influencern ohne positiven Einfluss. Wissenschaftler der Universita╠łt Ottawa fanden heraus, dass exzessive Social-Media-Nutzer ha╠łufiger Mahlzeiten auslie├čen und vermehrt zuckerhaltige Getra╠łnke konsumierten.

Auch Eva-Maria Endres bescha╠łftigt sich seit ihrem Masterstudium in Public Health Nutrition mit dieser Thematik. In ihrem 2018 erschienenen Buch ÔÇ×Erna╠łhrung in Sozialen MedienÔÇť spricht sie von einer Demokratisierung des (Erna╠łhrungs-)Wissens, weil hier viele Nutzende ihr Wissen an viele andere verteilen. Bei den klassischen Massenmedien TV, Radio und Zeitung hingegen recherchiert ein Redakteur Informationen und tra╠łgt sie an die O╠łffentlichkeit. ÔÇ×Das bedeutet, dass die Nutzer sozialer Medien eine Flut an Erna╠łhrungsinformationen ungefiltert in ihrem Newsfeed sehen ko╠łnnen. Die Gefahr der Verwirrung und Verunsicherung ist in diesem Fall sehr gro├č, weil sich die Botschaften oft widersprechenÔÇť, wei├č Endres. Statt die Erna╠łhrungskompetenz zu steigern, sinkt also das Erna╠łhrungswissen der Social-Media-Nutzenden, weil sie nicht wissen, was sie glauben ko╠łnnen.

Fake-News im Foodie-Kosmos

Schlecht recherchierte und widerspru╠łchliche Erna╠łhrungstipps verwirren und schu╠łren Panik anstatt aufzukla╠łren. Scha╠łtzungen zufolge ist sogar jede dritte Info u╠łber Erna╠łhrung im World Wide Web falsch und als Fake-News zu bewerten. Dies kann vor allem der Gesundheit ju╠łngerer Zielgruppen schaden, da sich Verhaltensweisen ÔÇô also auch solche in Bezug auf Essen ÔÇô bis ins junge Erwachsenenalter ausbilden. Das ist fatal, weil gerade junge Menschen am sta╠łrksten in den sozialen Medien vertreten sind. So nutzten in Deutschland im Jahr 2018 50 Prozent der 14- bis 29-Ja╠łhrigen Instagram und 63 Prozent Facebook. In der Altersgruppe von 30 bis 49 Jahren waren hingegen nur 13 Prozent bei Instagram und 38 Prozent bei Facebook aktiv. Ziel von Erna╠łhrungswissenschaftlern sowie o╠łffentlichen und politischen Institutionen sollte es demnach sein, diese Social-Media-User zu erreichen. U╠łber breitgestreute Aufkla╠łrungskampagnen mit wissenschaftlich fundierten Erna╠łhrungsinformationen ko╠łnnte das Essverhalten positiv beeinflusst und damit ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsfo╠łrderung geleistet werden.

Beratung kombiniert mit Social Media

Studien zeigen ha╠łufig, dass soziale Medien und Apps eine fundierte Erna╠łhrungstherapie super unterstu╠łtzen und deren Outcome sogar verbessern ko╠łnnen. Gerade U╠łbergewichtigen, die abnehmen mo╠łchten, bieten geschlossene Gruppen auf Social-Media-Plattformen die Mo╠łglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und gegenseitig zu motivieren. Die Erna╠łhrungsinfos spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. ÔÇ×In diesen Communities geht es vielmehr um die soziale Unterstu╠łtzung, die die Teilnehmenden durch die sozialen Netzwerke erfahren. Sie ko╠łnnen zum Bei- spiel u╠łber Probleme oder fehlgeschlagene Abnehm-Versuche schreiben und mit dem Versta╠łndnis der anderen rechnenÔÇť, erkla╠łrt Endres. ÔÇ×Das u╠łbersteigt selbst das, was Selbsthilfegruppen leisten ko╠łnnen. Soziale Medien sind schlie├člich sta╠łndig und u╠łberall erreichbar.ÔÇť

Allerdings ko╠łnnen sie die professionelle Begleitung durch Erna╠łhrungsfachkra╠łfte keinesfalls ersetzen, wei├č Endres aus Erfahrung: ÔÇ×Es ist a╠łrgerlich, dass zwei der fu╠łnf Beratungstermine oft darauf entfallen, zuna╠łchst verunsicherte Patienten zu beruhigen und mit Erna╠łhrungsmythen aufzura╠łumen, die durch die sozialen Medien vermittelt wurden. Das verzo╠łgert den Einstieg in die eigentliche Therapie.ÔÇť Vieles spricht also dafu╠łr, dass Erna╠łhrungsfachkra╠łfte in den sozialen Medien mitmischen sollten.

Allerdings sieht Endres auch politische Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft fu╠łr Erna╠łhrung (DGE) und das Bundeszentrum fu╠łr Erna╠łhrung (BZfE) in der Pflicht. Sie sollten wissenswerte Verbraucherinformationen multimedial streuen und eine verla╠łssliche Anlaufstelle bei Fragen sein. Das ko╠łnnte der Verwirrung entgegen- wirken und das Ansehen der Expertinnen und Experten sta╠łrken. Gru╠łnes Licht also fu╠łr soziale Medien, wenn sie denn wissenschaftlich fundierte, verla╠łssliche Informationen liefern? Fast! Denn beim Konsum der digitalen Medien kommt es auf das richtige Ma├č an. Befragungen haben gezeigt: Wer wa╠łhrend der Mahlzeiten auf Social-Media- Kana╠łlen unterwegs ist, la╠łuft Gefahr, ÔÇ×ganz nebenbeiÔÇť zu viel zu essen, weil der Fokus nicht auf der Mahlzeit liegt und Sa╠łttigung darum zu spa╠łt wahrgenommen wird. Im Klartext: Ha╠łnde weg vom Handy wa╠łhrend der Mahlzeiten und den Einfluss der Online-Welt auf das eigene Essverhalten kritisch reflektieren.

Fazit: Die Qualita╠łt der Erna╠łhrungskommunikation in den sozialen Medien ist sehr unterschiedlich, was das Essverhalten sowohl positiv als auch negativ beeinflussen kann. Erna╠łhrungsexperten und (politische) Organisationen sollten deswegen auf Social-Media-Kana╠łlen sichtbarer werden und die vielen Wege der Aufkla╠łrung nutzen. Sie ko╠łnnten damit eine professionelle Erna╠łhrungsberatung und -therapie sogar unterstu╠łtzen. Wichtig ist, dass sich jeder User daru╠łber bewusst wird, wie ma╠łchtig der Einfluss sozialer Medien auf das eigene Essverhalten sein kann.
Redaktion
Simonetta Zieger
Ern├Ąhrungswissenschaftlerin (B.Sc.), Expertin f├╝r Kochen und Rezepte
Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem pers├Ânlichem Facebook-Account an.

Bequem zu Hause lesen:

Unser Heft schon bald im Briefkasten oder direkt als ePaper auf das Tablet!

 

GRATIS-VERSAND

AKTION